Freitag, 10. Dezember 2010

Aachen (ver)ehrt Neoliberalismus und Militarismus

Darius 2.17 Uhr Filed under: Bauhaus EuropaOpium des VolkesWas geht ab

Die „westlichste Großstadt“ Deutschlands ist stets bemüht, ihre nationale Randlage durch Verweis auf Höheres und Größeres zu kaschieren. Ungebrochen das Verhältnis zum Frankenherrscher Karl, anderswo als der „Sachsenschlächter“ bekannt, dem die Stadt im Dreiländereck aber ihr „Weltkulturerbe Nr. 1“ verdankt.

Königskrönungen fanden nach 1531 in Aachen nicht mehr statt, seit 1950 aber wird in Anlehnung an Karl den Großen, der sein Reich mit drastischen militärischen Maßnahmen zusammen hielt, der Internationale Karlspreis für „Verdienste um die Einigung Europas“ verliehen – und zwar tatsächlich immer wieder an Personen, die für ein aggressives und oft auch militaristisches Europakonzept stehen.

„Nach dem verlorenen Krieg sollte der Karlspreis einen ‚abendländischen‘ Reichsgedanken propagieren, der, scheinbar unbelastet vom Nationalsozialismus, wiederum ein ‚starkes‘ Europa einforderte,“ so der Linke Historiker Wolfgang Dreßen. Und so ging der Preis beispielsweise 1956 pünktlich zur Gründung der Bundeswehr an Konrad Adenauer, den Vater der Wiederbewaffnung.

Zu großen Protesten kam es, als 1987 mit Heinz Kissinger ein kalter Krieger mit dem Karlspreis geehrt wurde, dessen Rolle beispielsweise beim Militärputsch in Chile nie aufgeklärt werden konnte. 1999, als erstmals mitten in Europa wieder Krieg geführt wurde, ging der Preis ausgerechnet an den britischen Kriegsherrn Anthony Blair, im Folgejahr an seinen amerikanischen Mitstreiter William Clinton. Die dritte westliche Schlüsselfigur des Jugoslawienkrieges, der damalige NATO-Generalsekretär Javier Solana de Madariaga, musste bis 2007 auf den Karlspreis warten.

Wofür der Karlspreis steht, kann man auch daran ablesen, wer ihn gerade nicht bekommen hat. Alle Hauptunterzeichner der Römischen Verträge (Spaak, Adenauer, Segni, Bech und Luns) wurden mit dem Karlspreis ausgezeichnet, bis auf den französischen Außenminister Christian Pineau. Der einstige CGT-Gewerkschafter Pineau war während der deutschen Besatzung im Widerstand, 1943 von der Gestapo verhaftet und ins KZ Buchenwald deportiert worden. Als französischer Außenminister (1956-58) versuchte er, eine Öffnung gegenüber den Staaten des Warschauer Paktes zu erreichen.

Mit dem Karlspreis wurde hingegen auch Walter Hallstein ausgezeichnet, einem der bekanntesten kalten Krieger. Die nach ihm benannte Hallstein-Doktrin, dass die Aufnahme diplomatischer Beziehungen dritter Staaten mit der DDR als feindlicher Akt gegenüber der BRD gewertet wurde, konnte erst vor genau vierzig Jahren überwunden werden.

Nach dem Verlust der Blöckekonfrontation geht es beim Karlspreis wirtschaftlich vor allem um die neoliberale Zurichtung Europas. Die Auszeichung Angela Merkels im Jahr 2008 wurde ausdrücklich mit ihrem Einsatz für die Rettung des dafür benötigten EU-Verfassungsprozesses begründet. 2002 war man sich nicht zu schade, den Mammon selbst auszuzeichnen, und machte „den Euro“ zum Preisträger. Im kommenden Jahr – voraussichtlich am Himmelfahrtstag, dem 2. Juni 2011 – soll nun dessen angeblicher Retter, EZB-Chef Jean-Claude Trichet, den Preis erhalten.

Während wieder einmal die meisten Aachener LokalpolitikerInnen die Entscheidung begrüßten, kritisierten Vertreter der Partei DIE LINKE diese Wahl. „Mit Angela Merkel wurde vor zwei Jahren schon eine Politikerin ausgezeichnet, die rigoros die neoliberale Orientierung Europas vorantreibt und eine Durchsetzung des Lissabon-Vertrages in der gesamten EU ohne Volksabstimmungen außer in Irland ermöglicht hat,“ meint der Aachener Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko. „Trichet fügt sich genau in diese Linie ein, der Karlspreis bleibt einer neoliberalen, militaristischen EU mit Großmachtambitionen verpflichtet.“

Auch Jürgen Klute, Europaabgeordneter aus NRW, lehnt die Ehrung Trichets ab: „Die Wirtschaftspolitik der massiven Ausgabenkürzungen in Spanien, Griechenland, Portugal und Irland wird noch mehr Arbeitslosigkeit und soziales Elend befördern.“ Den Griechen habe Trichets Zentralbank auf Jahre hin eine neoliberale Regierungspolitik bis ins Kleinste diktiert. Die Aachener LINKE kündigt deshalb Proteste an: „Die Menschen in Europa haben die eiskalte Politik der Finanzinteressen satt.“

Während 2011 beim Karlspreis also die kapitalistische Seite der Medaille an der Reihe ist, bleibt die militaristische in Aachen nicht unbedacht. Der Aachener Karnevalsverein wird am 19. Februar 2011 seinen vorgeblich humoristischen „Orden wider den tierischen Ernst“ an Kriegsminister zu Guttenberg verleihen. Die fragwürdige Geschichte dieser Aachener Preisverleihung sei ein andermal erzählt.

(aus: Linksletter vom 9.11.2010)

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Erleichterung des Porno-Zugangs als Jugendschutz?

Darius 3.32 Uhr Filed under: Opium des Volkes

Für Furore sorgte dieser Tage ein Tweet der Grünen NRW zum Jugendmedienschutz-Staatsvertrag:

Wir sind weiterhin gegen den #JMStV, die Fraktion hat sich aufgrund parlamentarischer Zwänge anders entschlossen.

Erst kurz zuvor hatte der Landesparteirat der Grünen beschlossen, dass er die Grüne Landtagsfraktion auffordert, dem JMStV nicht zuzustimmen. Am 29.11. hieß es dann:

Der kleine Parteitag der NRW-Grünen hat eine klare Empfehlung an die Fraktion ausgesprochen, dem JMStV nicht zuzustimmen. Die Fraktion ist daran aber nicht gebunden und wird im Rahmen der Koalitionsabsprachen und vor allem aufgrund der Zwänge, die der schon sehr weit fortgeschrittene Ratifizierungsprozess vorgibt, zustimmen.

Die Meldung sorgte für einigen Wirbel, schon einen Tag später wurde vermeldet:

Die Grüne Landtagsfraktion hat heute nach ausführlicher Debatte den Fraktionsvorstand gebeten, noch einmal Gespräche mit der SPD-Fraktion über den Jugendmedienschutzstaatsvertrag zu führen. Ziel der Gespräche soll sein, dass die Koalitionsfraktionen von SPD und Grünen dem Staatsvertrag im Landtag nicht zustimmen.

Der Beschluss des Grünen Parteirats enthält in knapper Form eine Argumentation, wie sie vielerorts in der Blogosphäre zu lesen ist.

Die AnbieterInnen von Internetdiensten (Provider) sollen Programme anbieten, die Websites mit einer Angabe unter dem gewünschten Mindestalter blockieren.

Obwohl ich den JMStV nicht befürworte, scheint mir nach Lektüre eines Beitrags des Rechtsanwalts Udo Vetter diese Darstellung irreführend. Vorgesehen ist vielmehr, dass eine Filterung auf dem Rechner des Seitenbesuchers stattfindet, also beispielsweise durch ein Browser-Plugin oder überarbeitete Fassungen jener Jugendschutz-Software aus den Internet-Security-Suites, deren bisher geringe Wirksamkeit die Zeitschrift c’t erst kürzlich wieder kritisierte. Genau so funktioniert das unter anderem von Mircosoft vor Jahren propagierte System aus PICS- bzw. ICRA-Label auf jugendgefährdenden Webseiten, sowie Browsern, die eine Filterung gelabelter Webseiten ermöglichen. Die Filterung soll also nicht durch den Provider erfolgen. So stellt es jedenfalls die Freiwillige Selbstkontrolle Multimediadiensteanbieter (FSM) dar:

Die Klassifizierung wird ausschließlich von nutzerautonomen Jugendschutzprogrammen ausgelesen, z.B. auf Computern, die Eltern für ihre Kinder sicher konfiguriert haben. Die Strenge der Filterung kann dabei von den Eltern individuell eingestellt werden. Sie können optional festlegen, dass nur gekennzeichnete Inhalte angezeigt werden.

Bei den Grünen heißt es weiter:

Werden Inhalte falsch gekennzeichnet, sind hohe Ordnungsstrafen möglich. Die rechtlich einwandfreie Einstufung der Inhalte ist für NichtjuristInnen jedoch schwierig bis unmöglich. Den Erwerb der notwendigen Fachkompetenz werden sich nur kommerzielle, öffentliche und institutionelle AnbieterInnen leisten können. Eine eigene Kennzeichnung für kleinere und mittlere AnbieterInnen scheitert an dem hohen Rechtsrisiko. Sie sind gut beraten, ihre Seiten vorsichtshalber in die höchste Altersstufe einzuordnen.

Das ist weiterhin irreführend, denn die hohen Strafen gelten gerade nicht für eine irrtümliche Fehleinschätzung, sondern für bewusste Falscheinstufung. Damit ist auch die Empfehlung, vorsichtshalber die höchste Altersstufe zu wählen, unsinnig. Ich fürchte, diese Empfehlung wird jetzt durch das Netz geistern und tatsächlich dazu führen, dass Leute ganz harmlose Webseiten ab 18 freigeben, ähnlich dem bekannten Disclaimer-Unfug.

Und weiter bei den Grünen:

In der Folge würde unser Nachwuchs ein „Kindernet“ bekommen, wo er vor allem die Websites von Coca Cola, MTV und McDonalds genießen dürfte. Wikipedia, netzpolitik.org, die NewYork Times und auch die Website der Grünen NRW wären schließlich gesperrt. Unsere Kinder würden zu perfekten Konsumenten ausgebildet werden, kritische Inhalte wären nicht mehr abrufbar. Derartige Sperren würden bürgerliche Rechte, wie sie im Art. 5 Abs. 1 GG garantiert sind, massiv verletzen.

Bei aller Sympathie für Konsumkritik halte ich auch dieses Horrorszenario für Quatsch, weil ja die Voraussetzungen nicht stimmen, aus denen das Szenario abgeleitet wird. Da es keinen Grund gibt, alle Seiten vorsorglich »ab 18″ zu kennzeichnen, wird sich auch nicht die Mehrzahl der Inhaltsanbieter so verhalten. Das Internet wird nicht verarmen und kein »Kindernet« entstehen. Dummes Zeug! Überdies sind redaktionelle Angebote ohnehin von der Regelung weitgehend ausgenommen (vgl. RA Vetter).

Das erste gültige Argument erreicht der Grüne Beschluss weiter unten im Text:

Bereits heute sind deutsche Websites mit Inhalten nur für Erwachsene verpflichtet, eine Altersverifikation wie zum Beispiel den Personalausweis zu fordern. Nach der Novellierung des JMStV reicht aber die Alterseinstufung der Inhalte als Jugendschutzmaßnahme aus. Da vielen Eltern die Fachkenntnis fehlen wird, um die Software zu installieren, werden Minderjährige bei Nichtanwendung von Jugendschutzprogrammen sogar leichter als je zuvor an Inhalte ab 18 kommen.

Hier liegt tatsächlich der Hase im Pfeffer. Zweck des JMStV ist meines Erachtens nicht die Einführung eines Zensursystems, sondern im Gegenteil, die Lockerung der bisherigen vorbildlich strengen Jugendschutzvorschriften, die von der deutschen Pornoindustrie als Standortnachteil begriffen wurden. Wer in Deutschland Pornografie im Internet (oder per Versand) anbieten will, kann bisher vor allem ein Verfahren wählen: das Postident-Verfahren gekoppelt mit einem personalisierten Zugang. Der Pornokonsument muss sich also vorab einmalig gegenüber einer/m Postangestellten ausweisen, um die Altersverifikation zu bestehen. Gegenüber beispielsweise dem amerikanischen System, einfach eine Frage nach dem Alter vorzuschalten, ist dieses Verfahren tatsächlich erheblich aufwändiger. Der entscheidende Hinweis steht auch bei der FSM:

Durch die neue Möglichkeit, ein Angebot mit einer Altersstufe zu kennzeichnen, tritt eine Alternative hinzu, die viel besser zum Medium Internet passt als Zeitbeschränkungen oder etwa die Abfrage der Personalausweisnummer.

Im Klartext: Die Pornoindustrie ist froh, dass endlich das lästige Ausweisverfahren wegfallen soll. Künftig reicht es, einfach eine Website mit der Alterskennzeichnung zu versehen, und schon ist der Anbieter die Verantwortung für den Zugang zu seinen Inhalten los. Alles weitere bleibt den Eltern überlassen (siehe das erste FSM-Zitat).

Der eigentliche Skandal liegt meiner Meinung nach deshalb nicht darin, dass der Staatsvertrag zu einer Ausweitung von Zensur führen würde, sondern darin, dass öffentlich behauptet wird, es ginge um die Verbesserung des Jugendschutzes, während in Wirklichkeit einzig der Marktzugang der deutschen Pornoindustrie verbessert werden soll, es also nicht darum geht, weniger, sondern mehr jugendgefährdende Inhalte ins Internet zu bringen.

Ein Grund, den JMStV abzulehnen, wäre das (neben den Zweifeln an der Wirksamkeit des Filtersystems) auch.

Dienstag, 4. Mai 2010

Bedenken gegen Street View sind richtig, aber leider nicht ehrlich

Darius 22.17 Uhr Filed under: Opium des VolkesWas geht ab

Kurz vor der Landtagswahl wird in der Lokalpresse noch mal heftig über Google Street View gestritten. CDU und Grüne wollen sich nochmal schnell als Wahrer des Datenschutzes und der Privatsphäre profilieren. Die CDU und ihr Koalitionspartner wollen offenbar die überwachungsstaatlichen Maßnahmen des vormaligen Innenministers Schäuble vergessen machen – und dass die CDU konkret in Aachen die Videoüberwachung gefordert und unter Umgehung des Stadtrats auch erhalten hat.

Ich teile die Bedenken wegen der Verletzung der Privatsphäre der BewohnerInnen der von Google erfassten Häuser. Wo aber bleibt der Aufschrei gegen die neuen Luftbilder, die 2010 im Auftrag der Bezirksregierung aufgenommen werden?

»Die Auflösung der Bilder ist diesmal so hoch, dass sogar die Markierung auf den Straßen oder einzelne Kanaldeckel erkennbar sind.«

Das schrieb die Aachener Zeitung im Dezember. Die Städteregion Aachen – regiert von CDU und Grünen – hat demnach zugestimmt, die Luftaufnahmen zu finanzieren. Im Unterschied zu Google Street View schauen die Flugzeuge der Luftaufnahmen aber auch hinter Mauern und Hecken, auch in Höfe und Gärten. Dort wird es nicht nur Kanaldeckel und Fahrbahnmarkierungen zu sehen geben.

Das eine geißeln und das andere finanzieren, ist unglaubwürdig. Und es würde mich nicht wundern, wenn Google hinterher eine Lizenz zur Nutzung der Luftbilder erwerben kann.

[ Nachtrag ]
Wer sich einen Eindruck von Streetview vor der fast eigenen Haustür verschaffen will, findet inzwischen die niederländischen Nachbargemeinden. Direkt hinter der Grenze fängt es auf der Maastrichterlaan in Vaals an:

Größere Kartenansicht

Sonntag, 27. September 2009

Wo bleibt die Krankenhauskeim-Hysterie?

Darius 1.46 Uhr Filed under: MedienschelteOpium des Volkes

Die Hysterie um die Schweinegrippe wurde schon ganz vortrefflich von Titanic auf den Punkt gebracht. Meinem vorigen Beitrag dazu, dass aufgrund der gewöhlichen Grippe bis zu 25.000 Menschen jährlich sterben, möchte ich nochmal ergänzend hinzufügen, dass ich kürzlich las, schätzungsweise 40.000 Menschen jährlich stürben in Deutschland an Krankenhauskeimen. Nun fragt man sich natürlich, warum die 40.000 Keimtoten im Gegensatz zur Schweinegrippe (bisher eventuell 1 Todesfall in Deutschland) kein Thema sind, das seit Monaten groß durch die Medien geistert. Ich hätte nur eine Erklärung: Weil man die Krankenhauskeim-Problematik nicht so angehen kann, dass die Pharmaindustrie damit dicke Profite macht. Im Gegenteil, die Keimprobleme kommen ja gerade von zu viel Antibiotika-Einsatz.

Mittwoch, 12. September 2007

Religionsfreiheit oder die Freiheit zu religiöser Verfolgung

Darius 13.02 Uhr Filed under: Opium des Volkes

Dass Religionsfreiheit in den Augen mancher Unionspolitiker offenbar vor allem die Freiheit ist, in staatlichen Schulen Kruzifixe an die Wand zu nageln, führt mal wieder der angebliche »Innenexperte« der Unionsfraktion im Bundestag, Wolfgang Bosbach vor. Er forderte – wohl nicht ganz zufällig in Bayern – die Einführung eines »Konvertiten-Registers«. Dass es elementare Grundrechte verletzt, Menschen allein wegen eines Wechsels der Religion als terrorverdächtig zu behandeln, ist ihm offenbar schnuppe:

»Ich bin nicht bereit, aus lauter politischer Korrektheit die Augen vor der Realität zu verschließen«

Man kann der extremen Rechten nur gratulieren: Deren (vorgebliche) Kampagne gegen Political Correctness, die in Wahrheit eine Kampagne gegen Grundrechte wie Menschenwürde und Religionsfreiheit ist, ist in der Union anscheinend bereits weitestgehend aufgegangen.
Kleine Nachfrage an Herrn Bosbach: Sollen denn auch Konvertiten in Ihr Register eingetragen werden, die zum Christentum übergetreten sind? Oder ist das mit der Gleichbehandlung auch wieder nur so ein politisch korrekter Schmarrn?

Update: Bosbach bestreitet die Zitate.

Sonntag, 14. Januar 2007

Keine Ehrung für Kriegsherren!

Darius 16.40 Uhr Filed under: Opium des Volkes

Kein Karlspreis an Solana!Auch wenn mir natürlich klar ist, dass die Verleihung des Karlspreises an Javier Solana in der Tradition und Zielsetzung des Karlspreises eigentlich nur konsequent ist, möchten wir doch ein bis ins bürgerliche Milieu hinein wirkendes Zeichen gegen diese öffentliche Ehrung eines Militärpolitikers setzen. Dazu ist für Ende März eine Anzeige im Mantelteil der beiden Lokalzeitungen geplant. Mit dem Text bin ich (wegen der Bezugnahme auf den Volksbegriff) nicht 100% glücklich, aber er ist nunmal das Ergebnis von Kompromissen, und ich bin der Meinung, dass diese Aktion breite Unterstützung erhalten sollte. Alles weitere unter kein-karlspreis-an-solana.de.

Dienstag, 17. Januar 2006

Volle Kraft voraus und Augen zu

Darius 16.28 Uhr Filed under: MedienschelteOpium des Volkes

Zum wiederholten Male gibt es eine groß angelegte Umfrage der »Perspektive Deutschland« von McKinsey, stern, ZDF und Web.de unter Schirmherrschaft Richard v. Weizsäckers.

Wie bei jeder gut manipulierten Umfrage wird vor Beginn der Befragung schonmal klargestellt, was rauskommen soll. Zum Geleit schreibt der ehemalige Bundespräsident auf der Titelseite:

»Wir müssen konsequent die begonnenen Reformen fortsetzen.«

In der Umfrage selbst wird dann z.B. gefragt:

Was meinen Sie zu folgenden Aussagen?

  • Nach der vorgezogenen Bundestagswahl wird sich der Reformprozess in Deutschland beschleunigen.
  • In den nächsten Jahren wird die Bereitschaft der Bevölkerung in Deutschland zunehmen, Reformen mitzutragen, auch wenn diese für den Einzelnen Nachteile mit sich bringen.
  • In den nächsten Jahren wird die Reformfähigkeit der Politik in Deutschland zunehmen.

Allerdings ist dann natürlich keine differenzierte Meinung vorgesehen, sondern man darf nur wählen zwischen Abstufungen von »Stimmt genau« bis »Stimmt gar nicht«. Auffällig, dass erstmal nur über die Zustimmung zu irgendwelchen Reformen gefragt wird, ohne dass gesagt wird, worin diese Reformen bestehen sollen.

Später kann man dann über so tolle Dinge abstimmen, wie »Sollten die sozialen Unterschiede in der Zukunft in Deutschland geringer oder größer als heute sein?«

Überhaupt nicht manipulativ ist auch die Frage »In welche Richtung sollte sich Deutschland Ihrer Meinung nach in Zukunft verändern, wenn es um den Lohn für Leistung geht?« mit Antworten von »Wer viel leistet, sollte viel weniger
belohnt werden als heute.« bis »Wer viel leistet, sollte viel stärker belohnt werden als heute.«

Schließlich gipfelt es in einer Gegenüberstellung von »Modell A« und »Modell B«, wobei A wohl das sozialstaatliche und B das kapitalistisch entfesselte sein soll, und A verbunden wird mit »Steuern und Abgaben sind viel höher als heute«, »Wer viel leistet, wird dafür viel weniger belohnt als heute.« und »Die Gesellschaft verändert sich viel langsamer als heute.«, und nachgeschoben wird dann eine weitere Frage, in der behauptet wird, bei A gehe es auch der Wirtschaft schlechter, ob man dann immer noch dafür sei?

Später wird man gefragt, welche Form von Verschlechterung man gerne für einen
auf drei Jahre (!) sicheren Arbeitsplatz in Kauf nähme:

  • … mich auf eine andere Tätigkeit bei demselben Arbeitgeber umschulen zu lassen.
  • … in eine andere Region umzuziehen, die mehr als 100 km von meinem derzeitigen Wohnort entfernt ist.
  • … je nach Auftragslage mal mehr, mal weniger Stunden pro Woche zu arbeiten.
  • … nur am Wochenende zu Hause zu sein.
  • … auf 10% meines Gehalts zu verzichten.
  • … vier Stunden in der Woche ohne Mehrbezahlung länger zu arbeiten.
  • … zwei Stunden täglich zu pendeln.
  • … auf fünf Urlaubstage zu verzichten.

usw. usf.

Jedenfalls scheint mir der wissenschaftliche Ertrag durch eine so suggestive Umfrage sehr gering zu sein, denn ein Großteil der Fragen lässt sich z.B. nicht klar so beantworten, dass man für Veränderungen, aber im Sinne von mehr sozialer Gerechtigkeit sei usw. Oder die Frage, ob man für schnellere oder langsamere gesellschaftliche Veränderung sei, ist ja wohl erheblich vom nicht zur Debatte gestellten Aspekt abhängig, wohin die Veränderung denn gehen soll.

Der Sinn der Umfrage scheint mir vielmehr zu sein, dass man über den geschickt aufgebauten Fragenkatalog immer mehr in das Denken der Sachzwänge und nicht definierten Reformnotwendigkeiten hineingeführt wird. Etwa, dass es eben notwendig sei, für drei Jahre Arbeitsplatzsicherung erhebliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Die zugelassene Frage ist ja nur, welche denn.

Etwa 500.000 Menschen sollen sich im vergangenen Jahr mehr oder weniger freiwillig dieser Gehirnwäsche unterzogen haben. Für die Teilnahme wird mit Prämien (5 ? Buchgutschein über Ciao.de) und Verlosungen geworben, nach dem Schneeballprinzip soll man schließlich noch weitere Menschen zur Teilnahme beschwatzen, um seine Chancen bei der Verlosung zu verbessern.

Mehr dazu:

Samstag, 31. Dezember 2005

Geistige Grausamkeit

Darius 15.13 Uhr Filed under: Opium des Volkes

PETA, die lustige Tierschutzorganisation, die seit ihrer Kampagne »mit Bodyismus für die Rechte von Tieren« weltweit bekannt geworden ist, hat mal wieder was neues ausgeheckt. Keine Sorge, diesmal werden nicht wieder KZs mit Hühnerställen gleichgesetzt, diesmal hat nur ein armer Irrer aus den USA seinen Namen ändern lassen. Ein gewisser Chris G. heißt, wenn man Spiegel Online glauben darf, fortan KentuckyFriedCruelty.com, zu Deutsch: Kentucky-frittierte Grausamkeit (kommerziell). Zugegebener Maßen veranschaulicht diese Aktion recht beeindruckend, wohin schlechte Haltungsbedingungen bei Zweibeinern mit und ohne Flügel führen können.

(Nur damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Der Autor dieser Zeilen ist seit fast 20 Jahren Vegetarier.)

Freitag, 9. Dezember 2005

Westerwelle im Raum-Zeit-Loch?

Darius 17.30 Uhr Filed under: Opium des Volkes

Mit einer klaren Absage an so genannte Jamaika-Koalitionen geht FDP-Chef Guido Westerwelle in die Klausurtagung des Parteivorstandes am Montag.

meldet die Rheinische Post. Meines Wissens ist die Koalitionsfrage längst geklärt. Wenn ich richtig informiert bin, hat sich eine sogenannte Große Koalition gebildet. Wer unbedingt will, mag sie meinetwegen auch Angola-Koalition nennen, aber dass die FDP daran beteiligt würde, ist ja wohl erstmal vom Tisch. Aber gut, wenn man sonst nichts Wichtiges zu besprechen hat, mag man sich unterhalten über Koalitionen, die man womöglich auch nicht eingangen wäre, selbst wenn die anderen gewollt hätten, die nicht gewollt hatten.

Haschisch des Volkes

Darius 14.26 Uhr Filed under: Opium des Volkes

Jüdische AllgemeineIn der aktuellen Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen, die ulkigerweise von einem Karl Marx gegründet wurde, steht nicht, was ein anderer Karl Marx einst formulierte,

Religion ist […] das Opium des Volkes

Jonathan Scheiners Artikel über den Reggae-Chassid Matisyahu trägt vielmehr die Überschrift

»Mein Haschisch ist der Talmud«