Mittwoch, 1. September 2010

Schüttet euer Herz aus mit Comic Sans

Darius 1.14 Uhr Filed under: Medienschelte

Comic Sans ist wirklich eine grässliche Schriftart, schlampig produziert und mit einem Erscheinungsbild, als wäre sie mit Microsoft Paint gezeichnet. Schlimmer als ihre geringe Qualität ist aber ihr Einsatz im Alltag. Bei mir läuten sofort die Alarmglocken, wenn Comic Sans auftaucht. Eigentlich ist dann nur noch die Frage: Will sich hier jemand bei Kindern anbiedern oder doch eher bei Leuten, die irgendwie Hilfe und Beratung suchen? Auch jeden Fall soll’s kräftig menscheln, und dafür erscheint die runtergerotzte Comic Sans von Microsoft offenbar geeignet.

Gespannt bin ich aber, ob die Story bald die Runde macht, die Myfonts (Bitstream) derzeit via Facebook verbreitet. Laut einer Studie sollen Fragebögen in Comic Sans Menschen eher dazu verleiten, Details aus ihrer Privatsphäre zu verraten. Myfonts bezieht sich auf einen Beitrag von Kashmir Hill, »Use Comic Sans to Get People to Reveal their Most Sensitive Private Information Online«.

Bei genauerer Betrachtung wird allerdings schon in diesem Beitrag deutlich, dass das Experiment nicht isoliert die Comic Sans untersucht hat. In einer Untersuchung der Carnegy Mellon University soll laut einem Bericht der New York Times die Auskunftsfreude von Besucherinnen zweier unterschiedlicher Webseiten verglichen worden sein. Die eine Seite habe ein sachlich-offizielles Erscheinungsbild gehabt, die andere fragte in wild buntem Stil »How BAD Are U???«. Das Ergebnis ist nicht uninteressant, auch wenn die Comic Sans darin nur eine Nebenrolle spielt. Jedenfalls waren die Teilnehmenden bei der inoffiziell wirkenden Website weitaus auskunftsfreudiger und verrieten beispielsweise mehr Details über ihre Drogenerfahrungen. Laut Times gaben auf der offiziell erscheinenden Seite 4,7 % der TeilnehmerInnen an, schonmal jemanden heimlich beim Ausziehen beobachtet zu haben, während es bei der anscheinend lustigen Seite 19,7 % waren.

Das Ergebnis passt zu meinem Eindruck, dass auf Facebook viele eigentlich politsch bewusste Leute bereit sind, für ein vermeintlich lustiges Quiz im Stil von »Was für ein Sozialist bist du« Auskünfte zu geben, die sie unter anderen Vorzeichen empört verweigern würden. Die Untersuchung mag Relevanz haben, wenn es darum geht, wie man Leute dazu bewegen kann, mehr über sich preiszugeben als sie nüchtern betrachtend tun würden. Dass die Comic Sans dabei eine entscheidende Rolle spielt, scheint mir leicht übertrieben, aber ich bin gespannt, ob genau diese Behauptung jetzt durch die Medien geistern wird.

Dienstag, 25. Mai 2010

Welche Chance geben Sie einer großen Koalition in NRW?

Darius 23.59 Uhr Filed under: MedienschelteWas geht ab

Ich möchte kurz etwas klarstellen, was AN und AZ offenbar unterschlagen haben an meinen Kommentaren zu den abgebrochenen Sondierungsgesprächen. Beide Kommentare gab ich telefonisch auf der Rückreise aus Berlin, als nacheinander AZ und AN mich im Zug anriefen.

Die Aachener Zeitung zitiert mich folgendermaßen:

Darius Dunker Sprecher der Linken
„SPD und Grüne haben die Sondierungsgespräche ja scheitern lassen, und aus diesen Gesprächen heraus ist die Einladung der SPD an die CDU erfolgt. Insofern sehe ich schon, dass die große Koalition für diese beiden Parteien machbar ist. Gemeinsamkeiten gibt es wohl genug. Wir finden das schade, weil Rot-Rot-Grün machbar wäre. Ich denke, dass meine Partei auch zu einem zweiten Anlauf der Gespräche mit SPD und Grünen bereit ist.“

Und die Aachener Nachrichten zitieren mich so:

Darius Dunker Linke
„An Neuwahlen glaube ich nicht. Der Umstand, dass die Einladung der SPD an die CDU unmittelbar nach den gescheiterten Sondierungsgesprächen mit uns und den Grünen rausging, deutet darauf hin, dass die große Koalition von vornherein beabsichtigt war. Die CDU hat Rüttgers wieder aus dem Hut gezaubert, um seinen Verzicht anbieten zu können und vielleicht Armin Laschet ins Rennen zu schicken. Beide Parteien haben die schlechtesten Ergebnisse seit Jahren erzielt. Da ist es schwer für die SPD zu begründen, warum sie die Ministerpräsidentin stellen sollte.“

Die wiedergegebenen Sätze sind nicht frei erfunden, geben aber einen falschen Eindruck wieder. Den entscheidenden Passus meiner Aussagen haben beide Redaktionen weggelassen.
Ich sagte: »SPD und Grüne haben die Sondierungsgespräche mit uns abgebrochen, weil wir nicht zur Fortsetzung des Stellenabbaus im Öffentlichen Dienst bereit waren, wie er von Rüttgers eingeleitet wurde. Insofern gibt es mehr Gemeinsamkeiten von SPD und CDU als mit uns. Und auch in der zögerlichen Haltung zum Klimaschutz sind sich SPD und CDU näher als die SPD uns und den Grünen wäre.«
Diese ganze Passage, die ich genau vorbereitet hatte, haben sie weggelassen und damit den Kern meiner Aussage zur Frage »Kommt die große Koalition oder gibt es Neuwahlen?« (AN) bzw. »Große Koalition oder „Jamaika“ mit Armin Laschet?« (AZ).

Tatsächlich wurde ich übrigens auch nicht das gefragt, was diese Überschriften sagen, sondern: »Welche Chancen sehen Sie für eine Große Koalition in NRW und was wären die Alternativen?« (AZ).

Aus dem zweiten Teil der Frage ergibt sich auch, warum ich von einer zweiten Chance für rot-rot-grün gesprochen habe: Die wollten von mir wissen, welche Alternativen zur Großen Koalition ich sehe. Ich habe daraufhin gesagt: »Wenn SPD und Grüne wirklich einen sozial-ökologischen Politikwechsel in NRW herbeiführen wollten, was sicherlich viele Mitglieder ihrer Basis befürworten würden, dann würde DIE LINKE ihnen sicherlich trotz der dreisten Scheinverhandlungen in der ersten Runde noch eine zweite Chance geben. Ich glaube aber nicht, dass die Spitzen von SPD und Grünen das wirklich wollen.«

Ich habe auch nicht davon gesprochen, wie die AN behauptet, von »unmittelbar nach den Verhandlungen« sei die CDU eingeladen worden, sondern von »während die Verhandlungen noch liefen«. Der Redakteur war sehr überrascht von der Aussage, deshalb hatte ich das noch einmal ausdrücklich bekräftigt.

Mittwoch, 5. Mai 2010

Özdemir verbreitet Unwahrheit über DIE LINKE

Darius 22.19 Uhr Filed under: Medienschelte

Die Aachener Nachrichten (vom 5. 5. 2010, S. 2) zitieren Cem Özdemir mit der Behauptung, DIE LINKE mache »andere Sachen, als sie auf die Plakate schreiben« und hätte »in Berlin das Blindengeld gestrichen«.

Falsch ist aber vielmehr diese Behauptung des Grünen-Chefs. Fakt ist, dass das Landesblindengeld im rot-rot regierten Berlin trotz bekanntermaßen knapper Kassen mit 487 Euro immer noch erheblich höher ist, als in allen Bundesländern, in denen Die Grünen an der Regierung beteiligt sind (Bremen 358 Euro, Hamburg 448 Euro, Saarland 438 Euro). Zudem wird in Berlin das Landesblindengeld von 487 Euro altersunabhängig gewährt, während in zwei der drei Bundesländer mit Grüner Regierungsbeteiligung Kinder und Jugendliche erheblich weniger erhalten (Bremen 179 Euro, Saarland 293 Euro). Auch in NRW beträgt das Blindengeld für unter 18jährige nur 305 Euro.

Analog zur Feststellung des Bundesverfassungsgerichts, dass die willkürlich niedrigeren Hartz-IV-Sätze für Kinder verfassungswidrig sind, ist die altersunabhängige Blindengeld-Zahlung in Berlin ausdrücklich zu begrüßen. Sie sollte auch in NRW eingeführt werden.

Dienstag, 27. Oktober 2009

Attestierte schlechte Laune

Darius 0.55 Uhr Filed under: Medienschelte

Ich mag es ja gar nicht, wenn jemand anderes mir meint attestieren zu können, ob ich gute oder schlechte Laune habe oder zu seiner Aussage das passende oder unpassende Gesicht gemacht habe. Die Homepage einer mir bis dato völlig unbekannten Zeitschrift namens Message (»Internationale Zeitschrift für Journalismus«, der Schriftzug erinnert aber irgendwie an Massacre) attestiert den Machern des Internetmanifestes schlechte Laune. Und doch bringt das auf den Punkt, was irgendwie auch mein Unbehagen mit dem Manifest war, obschon ich ihm in vielen Punkten zustimme. Zugleich kommt Message so überheblich und großkotzig daher, dass ich mir dreimal überlegt habe, ob ich weiterlese:

Die 17 Thesen von Deutschlands bekanntesten Web-Journalisten sind überraschend dürftig, sagen unsere Experten. Sie haben weitergedacht

Die Titelankündigungen zum Themenkomplex Internetmanifest kommen daher wie ein wütender Gegenangriff mit schweren Geschützen: Ein »führender Online-Experte« wird angekündigt, ein »renommierter Experte für internationalen Medientrends und Journalismus und Professor« fährt »Gegenthesen« auf und »einer der profiliertesten Experten für Qualitätsmanagement und Professor« soll »das Selbstverständnis der Onliner« auseinandernehmen. Wenn ich das allein lese, könnte ich nur noch kotzen. Ich habe vorhin aber nicht so genau hingeschaut und dann doch gelesen. Zumindest den ersten Text, den zur schlechten Laune, weil mir der Themenkomplex auch schlechte Laune macht.

Ich hatte einst auch Journalist werden wollen, mich aber nach einem Praktikum in einer Redaktion, in der fast alle sagten, dass sie ja eigentlich einen engagierten Journalismus machen wollten, aber nunmal in dieser Redaktion gelandet seien, bei der das leider gar nicht vorgesehen ist, dagegen entschieden. Ich malte mir keine Chancen aus, von hier aus in einer der wenigen Redaktionen mit halbwegs vertretbarem Selbstverständnis zu landen, als hätten die gerade auf mich gewartet. Ob das Deutsch-Lehramtsstudium dann die bessere Wahl war, ist eine andere Frage. Nun bin ich weder Journalist noch allzu eifriger Blogger, aber ich hatte die Ehre, für ein paar Jahre die Redaktion einer über 50 Jahre alten nichtkommerziellen Zeitung zu leiten. Heute bin ich unter anderm Gelegenheitsblogger und Onlineredakteur eines nichtkommerziellen Gemeinschaftsblogs, das sich etwas zu Unrecht Zeitung nennt. Insofern fühle ich mich von der Fragestellung des Verhältnisses von professionellem Journalismus und Blogosphäre durchaus tangiert. Vieles von der Kritik, die Christoph Neuberger (der »führende Online-Experte«) formuliert, ist berechtigt. Überhaupt ist sein Artikel gar nicht so agressiv, wie man nach Ankündigung und Überschrift meinen könnte.

Die Frage scheint mir ungeklärt, wie unter den gegenwärtigen ökonomischen Verhältnissen eine Existenz für JournalistInnen – und andere geistige ArbeiterInnen! – denkbar ist, wenn auf eine Sicherung der kommerziellen Verwertung durch Urheberrecht verzichtet werden soll. Neuberger macht es sich zu einfach, wenn er die Frage mit Verweis auf »das Scheitern vieler Versuche, Nutzergebühren einzuführen« zurück an die Seite der BloggerInnen gibt. Seit Jahren schon erwarte ich (soll nicht heißen: mit Vorfreude), dass der große Durchbruch des kommerziellen Internet kommt, wenn sich überhaupt erst eine akzeptiert einfache und anonyme Methode des Micropayment im Web durchsetzt. Wenn aber die tagesaktuelle Suche in der Online-Ausgabe der örtlichen Tageszeitung so aussieht, ist es kein Wunder, dass Nutzergebühren nicht angenommen werden:

In Zusammenarbeit mit GBI bieten wir an dieser Stelle die Möglichkeit an, in unserem Zeitungsarchiv zu recherchieren. Es umfasst Artikel, die seit dem 1.7.2003 erschienen sind. Die Suche mit einer Ergebnis-Übersicht (Kurztext) ist kostenlos. Der Artikel im Volltext kostet 2,38 Euro.

Ähnliches gilt – um die Perspektive erneut nicht auf Presse zu beschränken –, wenn für Musikalben im Web völlig absurde 10 Euro verlangt werden, wo weder ein Händler mich berät, noch ein Landengeschäft steht oder physische Tonträger in einer Fabrik erzeugt, über Zwischenhandel geliefert werden und schließlich über die Theke wandern. Von der ganzen verkorksten DRM-Thematik ganz zu schweigen. Die Verantwortung dafür, dass es bisher nicht gelungen ist, akzeptierte Zahlungsformen zu etablieren, liegt meiner Meinung nach nicht bei den KonsumentInnen und nicht an freischaffenden KünstlerInnen und BloggerInnen, sondern an der Unfähigkeit von Banken, Medien- und Handelskonzernen, die althergebrachten Zahlungsweisen ins Internetzeitalter zu transferieren. Wir schreiben das Web 2.0, aber die Zahlsysteme sind eigentlich noch nicht im Web 1.0 angekommen. Ich habe doch tatsächlich zuletzt wieder eine Zahlung per Nachnahme für eine Online-Bestellung bei einem Telekommunikationskonzern durchgeführt, weil das die akzeptabelste Bezahlweise war.

Ich möchte, dass es JournalistInnen gibt, die ein Thema gründlich recherchieren, und deren Existenz wirtschaftlich gesichert ist, damit sie sich die Zeit für eine solche Recherche nehmen können. Als Blogger möchte ich solche JournalistInnen nicht ersetzen. Ich kann und möchte es nicht leisten, den gleichen Aufwand zu treiben, wie ich ihn mir idealerweise von einer JournalistIn erhoffe. Die Seite des professionellen Journalismus muss sich aber auch fragen lassen, ob sie denn selbst den Qualitätsjournalismus bietet, den sie zu verteidigen behauptet. Nicht ohne Grund beschränkt sich Bildblog längst nicht mehr auf die namensgebende Publikation. Unsere eigene »Zeitung« ist nicht entstanden, weil wir uns für die besseren Journalisten hielten. Wir haben damit angefangen, weil die Bürgerinitiative, in der wir uns engagierten, über weite Strecken von den Lokalzeitungen ignoriert wurde. Erst als wir rund 10.000 Unterschriften gesammelt hatten, gab es immerhin bei den privatwirtschaftlichen Zeitungen ein Umdenken, während der öffentlich-rechtliche WDR, eine der größten Sendeanstalten der Welt, uns bis zum Tag vor dem Bürgerentscheid zu verarschen versucht hat. (Und noch als wir die Abstimmung haushoch gewonnen hatten, wurde beim WDR dem Oberbürgermeister mehr Platz eingeräumt als der Bürgerinitiative.) Die Existenz von Blogosphäre (dazu zähle ich unsere »Zeitung«) und klassischen Redaktionen kann einander hervorragend ergänzen. Mehrfach schon haben wir Themen zuerst aufgegriffen, die dann in sorgfältigerer Weise nochmal von den Zeitungsredaktionen nachrecherchiert wurden. Andere Sichtweisen wurden ergänzt, formale Grundlagen erklärt. Natürlich ist es lächerlich, dass die lokalen Zeitungsredaktionen uns als Quelle stets verschweigen, obwohl der seriöse Journalismus seine Quellen angeblich ja nennt, während wir unseriösen Blogger die Zeitung als Quelle nennen, wenn sie eine ist. Geschenkt!

Natürlich gibt es einfache Lösungsvorschläge:

  • Es könnten JournalistInnen, MusikerInnen, KünstlerInnen und andere KopfarbeiterInnen staatlich beschäftigt werden, sodass sie ihre Werke nicht verkaufen müssen, sondern der Allgemeinheit frei zur Verfügung stellen. Tatsächlich findet das ja teil- bzw. ansatzweise statt (z.B. mit öffentlich-rechtlichen Medien oder KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen, die staatlich finanziert werden und die Ergebnisse dann im Idealfall der Allgemeinheit zur Verfügung stellen), aber gegenwärtig nur für eine kleine Auswahl vorgesehen. Tatsächlich sind die Bedingungen, unter denen z.B. SchriftstellerInnen oder KünstlerInnen manchmal – und dann nur zeitweise – staatlich finanziert werden, nicht unproblematisch.
  • Es könnte ein Grundeinkommen eingeführt werden, das so hoch ist, dass KünstlerInnen, JournalistInnen usw. ausreichend davon leben könnten. Viele Linke wollen das, aber duchsetzbar ist es kurzfristig wohl kaum in einer solchen Höhe (ein niedriges Grundeinkommen aber wäre kein Fortschritt).
  • Es könnte eine Pauschale von den Internetprovidern kassiert werden, die über eine Verwertungsgesellschaft an InhaltsproduzentInnen ausgestreut wird. Ich wäre da aber nach den Erfahrungen mit VG Wort und GEMA sehr skeptisch, dass diese Gelder wirklich gerecht bei den InhaltsproduzentInnen ankämen. Zudem wäre eine monströse Verwaltung erforderlich (die einen Teil der Einnahmen selbst verschlingen würde) und es müssten überhaupt Kriterien einer fairen Verteilung entwickelt werden. Am ehesten droht noch, dass mit einem solchen Modell die großen Verlage an die Geldbörsen der InternetnutzerInnen wollen.

[muss noch fortgesetzt werden]

Sonntag, 27. September 2009

Wo bleibt die Krankenhauskeim-Hysterie?

Darius 1.46 Uhr Filed under: MedienschelteOpium des Volkes

Die Hysterie um die Schweinegrippe wurde schon ganz vortrefflich von Titanic auf den Punkt gebracht. Meinem vorigen Beitrag dazu, dass aufgrund der gewöhlichen Grippe bis zu 25.000 Menschen jährlich sterben, möchte ich nochmal ergänzend hinzufügen, dass ich kürzlich las, schätzungsweise 40.000 Menschen jährlich stürben in Deutschland an Krankenhauskeimen. Nun fragt man sich natürlich, warum die 40.000 Keimtoten im Gegensatz zur Schweinegrippe (bisher eventuell 1 Todesfall in Deutschland) kein Thema sind, das seit Monaten groß durch die Medien geistert. Ich hätte nur eine Erklärung: Weil man die Krankenhauskeim-Problematik nicht so angehen kann, dass die Pharmaindustrie damit dicke Profite macht. Im Gegenteil, die Keimprobleme kommen ja gerade von zu viel Antibiotika-Einsatz.

Das Ende der großen Koalition

Das eigentlich Interessante am Erfolg der Linken bei der TV-Total-Wahl finde ich, dass das Ergebnis sich von dem der U18-Wahl doch sehr stark unterscheidet. Die aus der U18-Wahl abgeleitere Behauptung, Die Linke komme bei jüngeren WählerInnen nicht so an, stimmt offenbar gar nicht (wenn denn die TV-Total-WählerInnen wirklich auch jung sind). Jetzt wäre natürlich mal zu klären, welches Voting denn wohl die repräsentativere Zusammensetzung hatte. Ich könnte mir vorstellen, dass durch die Art der Durchführung bei der U18-Wahl auch eine relativ spezielle Auswahl an Kindern und Jugendlichen beteiligt wurde.

Inzwischen kursiert im Netz allerdings eine falsche Agenturmeldung, in der behauptet wird, auch in dem umgerechneten Ergebnis, das die Abweichung der letzten TV-Total-Abstimmung vom tatsächlichen Ergebnis berücksichtigt, gäbe es nicht einmal eine Mehrheit für eine »große Koalition«, besser: für eine Koalition von Union und SPD. Zwar kommen Union und Sozis zusammen nur auf 48,3 %, aber damit liegen sie immer noch vor den anderen dreien, die es zusammen auf 45,7 % bringen. Anders als beim unverrechneten Zuschauerergebnis (bei dem nur die im aktuellen Bundestag vertetenen Parteien zur Wahl standen) kommt das verrechnete Ergebnis logischerweise in der Summe nicht auf 100%. Die verbleibenden 6 % würden wohl für keine Partei über die 5-Prozent-Hürde reichen, sodass 48,3 % knapp für eine Bundestagsmehrheit von SPD und Union reichen würden.

Trotzdem wäre klar, dass es keine Fortsetzung der großen Koalition gäbe. Union und SPD wären nämlich gar keine große Koalition (Koalition zweier deutlich größerer Parteien als die anderen), denn die SPD wäre ja gar nicht größer als DIE LINKE und auch nicht weit entfernt von FDP und Grünen. Eine ganz normale Koalition also: Union mit einem kleineren Partner, und eine Opposition mit nur wenigen Sitzen weniger. Vielleicht gar kein unrealistisches Szenario. Ich bin gespannt, welche Bezeichnung eine solche Koalition dann im medialen Sprachgebrauch bekommt. »Angola-Koalition«? »Namür-Koalition«?

Montag, 17. August 2009

Experte: 25.000 Gripptetote in Deutschland!

Darius 9.50 Uhr Filed under: Geheimnisse dieser WeltMedienschelte

Skandal, Skandal! 25.000 Grippetote in Deutschland, und die Medien schweigen sie noch toter! – Nein, mal im Ernst: Ich kann das ganze Gezeter um die »Schweinegrippe« nicht mehr hören. Dankbar bin ich deshalb für folgende kleine Ausführung, ausgerechnet in der Fernsehbeilage zur Zeitung:

Herr Professor Ritter, die Schweinegrippe ist da. Müssen wir Mundschutz tragen?

Prof. Dr. Klaus Ritter: Ich sehe dafür keinen Anlass. Jedes Jahr sterben in Deutschland bis zu 25000 Menschen an den Folgen der Grippe, die mit schöner Regelmäßigkeit über uns hereinbricht.

Mittwoch, 13. Februar 2008

Seniorenkriminalität

Darius 20.07 Uhr Filed under: Medienschelte

Gerade erst hat ein bekanntes Magazin unter der Überschrift

„Greise Straftäter lachen über den Staat“

über Seniorenkriminalität geschrieben. Nun berichten die Medien von einem anderen Fall: Ausgerechnet in der berüchtigten Münchener U-Bahn habe ein 64-Jähriger einen 26-Jährigen drangsaliert und gedroht, ihn zu erschießen.

Als der Student den 64-Jährigen nach dem Aussteigen im U-Bahnhof zur Rede stellte, zog der später geständige Täter ein Taschenmesser und schlitzte seinem Gegenüber die Wange vom Mundwinkel bis zum Ohr auf.

Klar, dass auch hier wieder andere Attribute herhalten müssen, um den Täter in den Kontext einer bestimmten sozialen Gruppe zu stellen.

Sonntag, 6. Januar 2008

Schnellmerker

Darius 17.46 Uhr Filed under: MedienschelteNatur und so

Vor gut anderthalb Monaten erschien in Telepolis ein Artikel von Lars Lange:

Die Ökostrom-Lüge
»Schmutziger« Strom wird in Deutschland massenhaft zu Ökostrom umetikettiert. Der Schwindel hat einen Namen: RECS-Zertifikate

Vier Stromkonzerne teilen sich im Wesentlichen den lukrativen Strommarkt in Deutschland auf: Eon, EnBW, RWE und Vattenfall. Und sie investieren kräftig in schmutzigen Strom, über 40 neue Kohlekraftwerke sind geplant. Auch an der risikoreichen Kernenergie wollen die Vier gerne festhalten. Viele Menschen wollen das nicht länger hinnehmen und wechseln zu einem vermeintlichen »Ökostrom«-Tarif. Und sparen dabei scheinbar zum Teil noch richtig Geld, wie die Verbraucherzentralen betonen.

Ein durchaus beachtenswerter Artikel, der aber offenbar wenig Resonanz in den übrigen Medien fand. Bis gestern. Topaktuell wie immer griff nun Spiegel Online das Thema auf, etwas knapper als Telepolis:

MOGELPACKUNG
Stromanbieter verkaufen Atomstrom als Ökostrom

Aus Atom- mach Ökostrom: Nach Informationen des SPIEGEL tricksen europäische Stromanbieter ihre Kunden gezielt aus. Sie etikettieren Atom- oder Kohlestrom einfach in Ökostrom um. Eine legale Praxis, die durch Ökozertifikate möglich ist.

Noch am selben Tag hängt sich die Süddeutsche – unter Berufung auf den Spiegel – dran:

Falsche Energie
Etikettenschwindel beim Ökostrom

Von wegen Ökostrom: Scheinbar ökologisch unbedenklich erzeugte Energie ist in vielen Fällen purer Atomstrom. Energieexperten und Verbraucherschützer kritisieren die legale Umetikettierung. Solche Zertifikate seien Betrug am Kunden.

wo das Thema auf einmal so heiß ist, kann natürlich auch die Frankfurter Rundschau nicht wegschauen:

Strommarkt
Öko ist nicht immer ökologisch
VON MICHAEL BERGIUS

Berlin. Verbraucher werden beim Bezug von Ökostrom oft an der Nase herum geführt. Konsumentenschützer und Energiepolitiker üben Kritik am Handel mit Stromzertifikaten und sprechen von Täuschung. Stein des Anstoßes ist die Tauschbörse RECS (Renewable Energy Certificates System).

Der internationalen Organisation, die sich laut Selbstdarstellung die Förderung regenerativer Energie zum Ziel setzt, gehören neben deutschen Branchenriesen wie Eon, RWE und Vattenfall auch städtische Ernergieanbieter an. Das System erlaubt es einem Unternehmen beispielsweise, deutschen Atomstrom zu kaufen, diesen durch den zusätzlichen Erwerb eines Umwelt-Zertifikats eines norwegischen Wasserkraftwerks zu »veredeln« – und das Ganze dann als Ökostrom anzubieten.

Sogar die Aachener Zeitung hat das Thema inzwischen entdeckt, während man beim Kölner Stadtanzeiger am Donnerstag noch kritiklos die Meldung übernahm, die Stadtwerke Bonn bezögen ihren Ökostrom über RECS-Zertifikate (»Mit Ökostrom ein Zeichen setzen«):

SWB Energie und Wasser liefert den Ökostrom auf Basis von so genannten RECS-Zertifikaten. Diese Zertifikate (Renewable Energy Certificate System) garantieren Strom aus regenerativer Erzeugung. Der Naturstrom wird gespeist aus Wasserkraft, Wind, Biomasse oder Solarenergie.

Vielleicht hat man in der Redaktion aber auch nur nicht verstanden, was gemeint war mit dem Satz:

[...] zunächst bezieht die Stadt „Bronze-Ökostrom“, mittelfristig will sie dann auf „Gold-Ökostrom“ umsteigen

.
Bei meinem Provider ist man hingegen offenbar schon etwas genauer informiert:

Strato spricht sich eindeutig gegen »Greenwashing« bestehender Stromerzeugung aus und reagiert damit auf die Ökostrom-Initiative seines Mitbewerbers 1&1.
[…]
1&1-Stromlieferant sind wie in den vergangenen Jahren die Stadtwerke Karlsruhe, die im Rahmen des internationalen Zertifizierungssystems für erneuerbare Energien, RECS, sowohl selbst »grünen Strom« produzieren als auch von anderen Lieferanten beziehen.

Laut eigenen Angaben war Strato mit den Stadtwerken Karlsruhe und Vattenfall Berlin im Gespräch, habe sich dann aber bewusst gegen RECS-Zertifikate entschieden. »Grundsätzlich begrüßen wir Green-IT-Initiativen, allerdings werden sie zunehmend intransparent«, beklagt Gurow das Branchenverhalten in der Ökostrom-Glaubensfrage.

Ab 2008 soll Stratos Energie-Partner, die NaturEnergie AG, die benötigte Strommenge des Verbrauchs im Rechenzentrum bereitstellen. Der Strom dafür soll vollständig aus Laufwasserkraftwerken am Hochrhein stammen.

Übrigens eine Meldung, die auch schon fast einen Monat alt ist.

Also denn: Dieses Weblog läuft jetzt mit Strom aus Wasserkraft. Und ab Februar schreibe ich auch nur noch mit Ökostrom hinein.

Freitag, 16. November 2007

Die geheimnisvolle Totalkontrolle

Darius 10.12 Uhr Filed under: Medienschelte

Ein nicht zur Veröffentlichung vorgesehenes Dokument taucht im Internet auf. Das sorgt für einigen Wirbel, weil darin die US-Regierung einer Lüge überführt wird. Aus nicht näher bekannten Gründen ist anschließend die Website nicht mehr erreichbar, auf der das Dokument veröffentlicht worden war. Tagesschau.de schreibt:

Weil das Dokument nur für den Dienstgebrauch vorgesehen war, darf es offiziell nicht veröffentlicht werden – die Menschenrechtsorganisation ACLU kämpfe vier Jahre lang vergeblich darum. Stattdessen tauchte das Handbuch bei wikileak.org auf. Das ist eine Internetseite, die geheimgehaltene Regierungsdokumente aus aller Welt publiziert. Aber nachdem die Enthüllung Schlagzeilen gemacht hatte, war die wikileak.org-website nicht erreichbar. Außerdem sind sämtliche Kopien des Guantanamo-Handbuchs aus dem Internet verschwunden. Haupt stellt aber klar, dass niemand hier in Guantanamo irgendwas zu tun habe mit der Veröffentlichung oder mit dem Verschwinden dieses Dokuments.

»Gedächtnisloch – wie in 1984 beschrieben«

Dass die US-Regierung das Handbuch löschen ließ, ist nur eine von vielen Möglichkeiten, sagt Mark Rothenberg, Chef der Datenschutzorganisation epic (electronic privacy infomation center) in Washington. Aber er warnt: »Diese Geschichte zeigt uns erneut deutlich, dass das Internet eine wunderbare Informationsquelle für die Öffentlichkeit darstellt. Aber konkrete Informationen können auch jederzeit wieder entfernt werden – und wichtige Teile unserer Geschichte verschwinden. In ein regelrechtes Gedächtnisloch, wie es schon George Orwell in seinem Buch 1984 beschrieben hat.»

Werte Tagesschau.de-Redaktion! Bevor ihr Geschichten Orwellschen Ausmaßes verbreitet, die nahelegen, die US-Regierung hätte die Totalkontrolle über das Internet, schaut doch wenigstens ein einziges mal mit einschlägigen Suchmaschinen nach, ob das Dokument wirklich nicht mehr zu finden ist.