Dienstag, 27. Oktober 2009

Attestierte schlechte Laune

Darius 0.55 Uhr Filed under: Medienschelte

Ich mag es ja gar nicht, wenn jemand anderes mir meint attestieren zu können, ob ich gute oder schlechte Laune habe oder zu seiner Aussage das passende oder unpassende Gesicht gemacht habe. Die Homepage einer mir bis dato völlig unbekannten Zeitschrift namens Message (»Internationale Zeitschrift für Journalismus«, der Schriftzug erinnert aber irgendwie an Massacre) attestiert den Machern des Internetmanifestes schlechte Laune. Und doch bringt das auf den Punkt, was irgendwie auch mein Unbehagen mit dem Manifest war, obschon ich ihm in vielen Punkten zustimme. Zugleich kommt Message so überheblich und großkotzig daher, dass ich mir dreimal überlegt habe, ob ich weiterlese:

Die 17 Thesen von Deutschlands bekanntesten Web-Journalisten sind überraschend dürftig, sagen unsere Experten. Sie haben weitergedacht

Die Titelankündigungen zum Themenkomplex Internetmanifest kommen daher wie ein wütender Gegenangriff mit schweren Geschützen: Ein »führender Online-Experte« wird angekündigt, ein »renommierter Experte für internationalen Medientrends und Journalismus und Professor« fährt »Gegenthesen« auf und »einer der profiliertesten Experten für Qualitätsmanagement und Professor« soll »das Selbstverständnis der Onliner« auseinandernehmen. Wenn ich das allein lese, könnte ich nur noch kotzen. Ich habe vorhin aber nicht so genau hingeschaut und dann doch gelesen. Zumindest den ersten Text, den zur schlechten Laune, weil mir der Themenkomplex auch schlechte Laune macht.

Ich hatte einst auch Journalist werden wollen, mich aber nach einem Praktikum in einer Redaktion, in der fast alle sagten, dass sie ja eigentlich einen engagierten Journalismus machen wollten, aber nunmal in dieser Redaktion gelandet seien, bei der das leider gar nicht vorgesehen ist, dagegen entschieden. Ich malte mir keine Chancen aus, von hier aus in einer der wenigen Redaktionen mit halbwegs vertretbarem Selbstverständnis zu landen, als hätten die gerade auf mich gewartet. Ob das Deutsch-Lehramtsstudium dann die bessere Wahl war, ist eine andere Frage. Nun bin ich weder Journalist noch allzu eifriger Blogger, aber ich hatte die Ehre, für ein paar Jahre die Redaktion einer über 50 Jahre alten nichtkommerziellen Zeitung zu leiten. Heute bin ich unter anderm Gelegenheitsblogger und Onlineredakteur eines nichtkommerziellen Gemeinschaftsblogs, das sich etwas zu Unrecht Zeitung nennt. Insofern fühle ich mich von der Fragestellung des Verhältnisses von professionellem Journalismus und Blogosphäre durchaus tangiert. Vieles von der Kritik, die Christoph Neuberger (der »führende Online-Experte«) formuliert, ist berechtigt. Ãœberhaupt ist sein Artikel gar nicht so agressiv, wie man nach Ankündigung und Ãœberschrift meinen könnte.

Die Frage scheint mir ungeklärt, wie unter den gegenwärtigen ökonomischen Verhältnissen eine Existenz für JournalistInnen – und andere geistige ArbeiterInnen! – denkbar ist, wenn auf eine Sicherung der kommerziellen Verwertung durch Urheberrecht verzichtet werden soll. Neuberger macht es sich zu einfach, wenn er die Frage mit Verweis auf »das Scheitern vieler Versuche, Nutzergebühren einzuführen« zurück an die Seite der BloggerInnen gibt. Seit Jahren schon erwarte ich (soll nicht heißen: mit Vorfreude), dass der große Durchbruch des kommerziellen Internet kommt, wenn sich überhaupt erst eine akzeptiert einfache und anonyme Methode des Micropayment im Web durchsetzt. Wenn aber die tagesaktuelle Suche in der Online-Ausgabe der örtlichen Tageszeitung so aussieht, ist es kein Wunder, dass Nutzergebühren nicht angenommen werden:

In Zusammenarbeit mit GBI bieten wir an dieser Stelle die Möglichkeit an, in unserem Zeitungsarchiv zu recherchieren. Es umfasst Artikel, die seit dem 1.7.2003 erschienen sind. Die Suche mit einer Ergebnis-Übersicht (Kurztext) ist kostenlos. Der Artikel im Volltext kostet 2,38 Euro.

Ähnliches gilt – um die Perspektive erneut nicht auf Presse zu beschränken –, wenn für Musikalben im Web völlig absurde 10 Euro verlangt werden, wo weder ein Händler mich berät, noch ein Landengeschäft steht oder physische Tonträger in einer Fabrik erzeugt, über Zwischenhandel geliefert werden und schließlich über die Theke wandern. Von der ganzen verkorksten DRM-Thematik ganz zu schweigen. Die Verantwortung dafür, dass es bisher nicht gelungen ist, akzeptierte Zahlungsformen zu etablieren, liegt meiner Meinung nach nicht bei den KonsumentInnen und nicht an freischaffenden KünstlerInnen und BloggerInnen, sondern an der Unfähigkeit von Banken, Medien- und Handelskonzernen, die althergebrachten Zahlungsweisen ins Internetzeitalter zu transferieren. Wir schreiben das Web 2.0, aber die Zahlsysteme sind eigentlich noch nicht im Web 1.0 angekommen. Ich habe doch tatsächlich zuletzt wieder eine Zahlung per Nachnahme für eine Online-Bestellung bei einem Telekommunikationskonzern durchgeführt, weil das die akzeptabelste Bezahlweise war.

Ich möchte, dass es JournalistInnen gibt, die ein Thema gründlich recherchieren, und deren Existenz wirtschaftlich gesichert ist, damit sie sich die Zeit für eine solche Recherche nehmen können. Als Blogger möchte ich solche JournalistInnen nicht ersetzen. Ich kann und möchte es nicht leisten, den gleichen Aufwand zu treiben, wie ich ihn mir idealerweise von einer JournalistIn erhoffe. Die Seite des professionellen Journalismus muss sich aber auch fragen lassen, ob sie denn selbst den Qualitätsjournalismus bietet, den sie zu verteidigen behauptet. Nicht ohne Grund beschränkt sich Bildblog längst nicht mehr auf die namensgebende Publikation. Unsere eigene »Zeitung« ist nicht entstanden, weil wir uns für die besseren Journalisten hielten. Wir haben damit angefangen, weil die Bürgerinitiative, in der wir uns engagierten, über weite Strecken von den Lokalzeitungen ignoriert wurde. Erst als wir rund 10.000 Unterschriften gesammelt hatten, gab es immerhin bei den privatwirtschaftlichen Zeitungen ein Umdenken, während der öffentlich-rechtliche WDR, eine der größten Sendeanstalten der Welt, uns bis zum Tag vor dem Bürgerentscheid zu verarschen versucht hat. (Und noch als wir die Abstimmung haushoch gewonnen hatten, wurde beim WDR dem Oberbürgermeister mehr Platz eingeräumt als der Bürgerinitiative.) Die Existenz von Blogosphäre (dazu zähle ich unsere »Zeitung«) und klassischen Redaktionen kann einander hervorragend ergänzen. Mehrfach schon haben wir Themen zuerst aufgegriffen, die dann in sorgfältigerer Weise nochmal von den Zeitungsredaktionen nachrecherchiert wurden. Andere Sichtweisen wurden ergänzt, formale Grundlagen erklärt. Natürlich ist es lächerlich, dass die lokalen Zeitungsredaktionen uns als Quelle stets verschweigen, obwohl der seriöse Journalismus seine Quellen angeblich ja nennt, während wir unseriösen Blogger die Zeitung als Quelle nennen, wenn sie eine ist. Geschenkt!

Natürlich gibt es einfache Lösungsvorschläge:

  • Es könnten JournalistInnen, MusikerInnen, KünstlerInnen und andere KopfarbeiterInnen staatlich beschäftigt werden, sodass sie ihre Werke nicht verkaufen müssen, sondern der Allgemeinheit frei zur Verfügung stellen. Tatsächlich findet das ja teil- bzw. ansatzweise statt (z.B. mit öffentlich-rechtlichen Medien oder KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen, die staatlich finanziert werden und die Ergebnisse dann im Idealfall der Allgemeinheit zur Verfügung stellen), aber gegenwärtig nur für eine kleine Auswahl vorgesehen. Tatsächlich sind die Bedingungen, unter denen z.B. SchriftstellerInnen oder KünstlerInnen manchmal – und dann nur zeitweise – staatlich finanziert werden, nicht unproblematisch.
  • Es könnte ein Grundeinkommen eingeführt werden, das so hoch ist, dass KünstlerInnen, JournalistInnen usw. ausreichend davon leben könnten. Viele Linke wollen das, aber duchsetzbar ist es kurzfristig wohl kaum in einer solchen Höhe (ein niedriges Grundeinkommen aber wäre kein Fortschritt).
  • Es könnte eine Pauschale von den Internetprovidern kassiert werden, die über eine Verwertungsgesellschaft an InhaltsproduzentInnen ausgestreut wird. Ich wäre da aber nach den Erfahrungen mit VG Wort und GEMA sehr skeptisch, dass diese Gelder wirklich gerecht bei den InhaltsproduzentInnen ankämen. Zudem wäre eine monströse Verwaltung erforderlich (die einen Teil der Einnahmen selbst verschlingen würde) und es müssten überhaupt Kriterien einer fairen Verteilung entwickelt werden. Am ehesten droht noch, dass mit einem solchen Modell die großen Verlage an die Geldbörsen der InternetnutzerInnen wollen.

[muss noch fortgesetzt werden]

Montag, 26. Oktober 2009

Dankbarkeit

Darius 19.23 Uhr Filed under: Alles gesagt

Für Aussagen wie diese kann man einem gewissen Björn Böhning kaum dankbar genug sein:

Sie muss vielmehr die Frage beantworten, wie wir Aufstiegshoffnungen glaubwürdig unterlegen, Abstiegsängsten glaubwürdig mit einer neuen Sicherheitsarchitektur begegnen […]

Man weiß nicht recht, spricht er von Aktienkursen, seiner Partei oder einer NATO-Strategie. Aber man kann sich zufrieden schätzen: Ich bin nicht in seinem Verein.

Dienstag, 6. Oktober 2009

Sanktionen wegbloggen!

Darius 19.26 Uhr Filed under: Alles gesagt

morator_468