Sonntag, 6. Januar 2008

Schnellmerker

Darius 17.46 Uhr Filed under: MedienschelteNatur und so

Vor gut anderthalb Monaten erschien in Telepolis ein Artikel von Lars Lange:

Die Ökostrom-Lüge
»Schmutziger« Strom wird in Deutschland massenhaft zu Ökostrom umetikettiert. Der Schwindel hat einen Namen: RECS-Zertifikate

Vier Stromkonzerne teilen sich im Wesentlichen den lukrativen Strommarkt in Deutschland auf: Eon, EnBW, RWE und Vattenfall. Und sie investieren kräftig in schmutzigen Strom, über 40 neue Kohlekraftwerke sind geplant. Auch an der risikoreichen Kernenergie wollen die Vier gerne festhalten. Viele Menschen wollen das nicht länger hinnehmen und wechseln zu einem vermeintlichen »Ã–kostrom«-Tarif. Und sparen dabei scheinbar zum Teil noch richtig Geld, wie die Verbraucherzentralen betonen.

Ein durchaus beachtenswerter Artikel, der aber offenbar wenig Resonanz in den übrigen Medien fand. Bis gestern. Topaktuell wie immer griff nun Spiegel Online das Thema auf, etwas knapper als Telepolis:

MOGELPACKUNG
Stromanbieter verkaufen Atomstrom als Ökostrom

Aus Atom- mach Ökostrom: Nach Informationen des SPIEGEL tricksen europäische Stromanbieter ihre Kunden gezielt aus. Sie etikettieren Atom- oder Kohlestrom einfach in Ökostrom um. Eine legale Praxis, die durch Ökozertifikate möglich ist.

Noch am selben Tag hängt sich die Süddeutsche – unter Berufung auf den Spiegel – dran:

Falsche Energie
Etikettenschwindel beim Ökostrom

Von wegen Ökostrom: Scheinbar ökologisch unbedenklich erzeugte Energie ist in vielen Fällen purer Atomstrom. Energieexperten und Verbraucherschützer kritisieren die legale Umetikettierung. Solche Zertifikate seien Betrug am Kunden.

wo das Thema auf einmal so heiß ist, kann natürlich auch die Frankfurter Rundschau nicht wegschauen:

Strommarkt
Öko ist nicht immer ökologisch
VON MICHAEL BERGIUS

Berlin. Verbraucher werden beim Bezug von Ökostrom oft an der Nase herum geführt. Konsumentenschützer und Energiepolitiker üben Kritik am Handel mit Stromzertifikaten und sprechen von Täuschung. Stein des Anstoßes ist die Tauschbörse RECS (Renewable Energy Certificates System).

Der internationalen Organisation, die sich laut Selbstdarstellung die Förderung regenerativer Energie zum Ziel setzt, gehören neben deutschen Branchenriesen wie Eon, RWE und Vattenfall auch städtische Ernergieanbieter an. Das System erlaubt es einem Unternehmen beispielsweise, deutschen Atomstrom zu kaufen, diesen durch den zusätzlichen Erwerb eines Umwelt-Zertifikats eines norwegischen Wasserkraftwerks zu »veredeln« – und das Ganze dann als Ökostrom anzubieten.

Sogar die Aachener Zeitung hat das Thema inzwischen entdeckt, während man beim Kölner Stadtanzeiger am Donnerstag noch kritiklos die Meldung übernahm, die Stadtwerke Bonn bezögen ihren Ökostrom über RECS-Zertifikate (»Mit Ökostrom ein Zeichen setzen«):

SWB Energie und Wasser liefert den Ökostrom auf Basis von so genannten RECS-Zertifikaten. Diese Zertifikate (Renewable Energy Certificate System) garantieren Strom aus regenerativer Erzeugung. Der Naturstrom wird gespeist aus Wasserkraft, Wind, Biomasse oder Solarenergie.

Vielleicht hat man in der Redaktion aber auch nur nicht verstanden, was gemeint war mit dem Satz:

[...] zunächst bezieht die Stadt „Bronze-Ökostrom“, mittelfristig will sie dann auf „Gold-Ökostrom“ umsteigen

.
Bei meinem Provider ist man hingegen offenbar schon etwas genauer informiert:

Strato spricht sich eindeutig gegen »Greenwashing« bestehender Stromerzeugung aus und reagiert damit auf die Ökostrom-Initiative seines Mitbewerbers 1&1.
[…]
1&1-Stromlieferant sind wie in den vergangenen Jahren die Stadtwerke Karlsruhe, die im Rahmen des internationalen Zertifizierungssystems für erneuerbare Energien, RECS, sowohl selbst »grünen Strom« produzieren als auch von anderen Lieferanten beziehen.

Laut eigenen Angaben war Strato mit den Stadtwerken Karlsruhe und Vattenfall Berlin im Gespräch, habe sich dann aber bewusst gegen RECS-Zertifikate entschieden. »Grundsätzlich begrüßen wir Green-IT-Initiativen, allerdings werden sie zunehmend intransparent«, beklagt Gurow das Branchenverhalten in der Ökostrom-Glaubensfrage.

Ab 2008 soll Stratos Energie-Partner, die NaturEnergie AG, die benötigte Strommenge des Verbrauchs im Rechenzentrum bereitstellen. Der Strom dafür soll vollständig aus Laufwasserkraftwerken am Hochrhein stammen.

Ãœbrigens eine Meldung, die auch schon fast einen Monat alt ist.

Also denn: Dieses Weblog läuft jetzt mit Strom aus Wasserkraft. Und ab Februar schreibe ich auch nur noch mit Ökostrom hinein.