Freitag, 9. Dezember 2005

Werbung und Wirklichkeit

Darius 16.26 Uhr Filed under: Natur und soSegnungen des Kapitalismus

Seit ein paar Wochen läuft im Werbefernsehen ein Spot, der offenbar für ein bestimmtes Klopapier werben soll. Gezeigt wird eine Katze, die angeblich eine Klopapierrolle abgewickelt und sich darauf schlafen gelegt hat. Das mag ja in der Werbung nett aussehen, wäre aber auch so schon lästig. Terry Pratchett wies vor Jahren bereits darauf hin, dass echte Katzen anders sind (»Echte Katzen tragen niemals Schleifen«, Droemer 1991, orig. »The unadulterated Cat«, Neuauflage offenbar unter dem Titel »Die gemeine Hauskatze«, Goldmann 2005).
Kurz nachdem besagter Werbespot zum zweiten Mal in unserem Fernsehgerät zu sehen war, folgte mein Kater – dafür gibt es eine Zeugin – dem Beispiel und rollte ebenfalls das Klopapier ab. Mein Kater ist aber definitiv ein echter Kater:

Pratchett: »Echte Katzen sind weder völlig selbstbeherrscht, noch sind sie völlig neurotisch. Sie sind beides, und zwar gleichzeitig – eben wie richtige Persönlichkeiten. Echte Katzen mögen Quiche. Und Geflügelklein. Und Butter. Und alles andere, was auf dem Tisch herumliegt, wenn sie den Eindruck haben, daß sie es ungestört genießen können. Echte Katzen hören es, wenn zwei Zimmer weiter die Kühlschranktür aufgeht.«

Mein Kater hört auch, wenn versehentlich die Küchentür nicht zugeht und ist bei dieser Gelegenheit eben erst über die Butter hergefallen. Weil er also ein echter Kater ist, hat er sich nicht niedlich hingelegt, sondern getan, wozu Klopapier da ist. Jedenfalls so ungefähr: Er hat das Papier zu einer Kloerweiterung umfunktioniert. Denn, das berichtet auch Pratchett:

»Die Katze hat der Hygiene gegenüber von jeher eine ganz ähnliche, gutgemeinte, aber ein bißchen zwiespältige Einstellung wie der Mensch. Soll heißen: Wenn man’s zudeckt, ist es nicht mehr da. Es ist nicht so wichtig, wirklich sauber zu sein. Viel wesentlicher ist es, daß jemand sieht, wie man sich zumindest bemüht. Zum Beispiel, indem man versucht, das Linoleum ins Katzenklo zu scharren.«

Haschisch des Volkes

Darius 14.26 Uhr Filed under: Opium des Volkes

Jüdische AllgemeineIn der aktuellen Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen, die ulkigerweise von einem Karl Marx gegründet wurde, steht nicht, was ein anderer Karl Marx einst formulierte,

Religion ist […] das Opium des Volkes

Jonathan Scheiners Artikel über den Reggae-Chassid Matisyahu trägt vielmehr die Überschrift

»Mein Haschisch ist der Talmud«

Donnerstag, 8. Dezember 2005

Stolberg, Rheinland

Darius 13.53 Uhr Filed under: Geheimnisse dieser Welt

Wenn ich mal wieder mit einem der unendlich langsamen und viel zu oft haltenden Nahverkehrszüge von Köln nach Aachen fahre, ist einziger Höhepunkt eine Ansage, die eine eigentümliche und mitten im Bahnbetrieb unerwartete Rhythmik besitzt: »Stolberg … Rheinland … Hauptbahnhof«. (Dabei ist die Stimme bei den Silben »Stol-« und »Rhein-« ganz tief zu senken, bei »-berg« und »-land« stark zu heben, während »Hauptbahnhof« auf den ersten zwei Silben hoch, dann aber bei der letzten gesenkt zu sprechen ist.)

Michael Wildenhain
Michael Wildenhain

Neulich war im Rahmen der Kinder- und Jugendbuchwochen einer meiner Lieblingsautoren, Michael Wildenhain aus Berlin, in Aachen, um aus seinem spannenden Jugendroman »Die Schwestern« zu lesen. Als derjenige, der Programmheft und Webseiten zu den Kinder- und Jugenbuchwochen gestaltet hatte, hatte ich Gelegenheit, beim Mittagessen mit dem Autor zu plaudern. Ich erzählte, dass ich im Anschluss an seinen Roman »Prinzenbad« auch einige der darin zitierten Werke anderer Autoren gelesen hatte (z.B. Becketts Molloy, Braschs Kargo).
Ob ich denn das – wie »Prinzenbad« noch im alten Berliner Rotbuch-Verlag erschienene – Erstlingswerk von Dietmar Sous gelesen hätte, fragte Michael Wildenhain, der sei doch hier aus der Gegend. Er jedenfalls habe den Roman damals sehr beachtlich gefunden.
Recht kurze Zeit später war ich auf dem Kongress »Kapitalismus reloaded« in Berlin, traf bei dieser Gelegenheit jedoch nicht Michael Wildenhain, sondern unerwartet auf einem antiquarischen Büchertisch ebenjenes Rotbuch von Dietmar Sous: »Glasdreck«. Es ist, trotz inzwischen arg vergilbter Seiten, auch fast ein Vierteljahrhundert später noch wunderbar zu lesen, und für jemanden, der Dörfer Stolbergs sehen kann, wenn er aus dem Fenster schaut, wird die Geschichte besonders lebendig, die in einem von diesen Dörfern spielt und fast genausogut in jenem Haus wenige Kilometer entfernt sich abgespielt haben könnte, in dem ich wohne.

Brunno drehte vollends durch; klatschnaß wirbelte die Mähne, ekstatisch; das Parkett stampfte Kanonendonner – und alle Scheinwerfer auf Brunno! Dann … erfroren seine Finger. Er strampelte, doch zur Erde zurückzukehren und festen Boden zu spüren, gelang ihm nicht … Nackt, im grellen Licht vom Schatten der alten Mölldärs ausradiert, die Haare triefend, ebenso die Jacke des Schlafanzugs; und der Stoff der gestreiften Hose zehn Zentimeter oberhalb des rechten Knies abgewetzt, dünn und löchrig vom spitzen Nagel des gitarrezupfenden Daumens.
»Saarens, hastu seä noch all?«, murmelte die Alte entgeistert. »Maach bluhss datt Radio uhss unn schloff, duh Jeck! Moareje bästä wärrem zeä möh vö ze weerekeä!«
Ratlos beugte sie den Kopf: »Datt kütt alläs vvann dieh lang Hoare!«

Von der alten Frau, die einst hier im Haus wohnte, habe ich, als Kind westfälischer Eltern damals im Nachbarhaus wohnend, leider fast nie einen Satz verstanden. Behalten habe ich aber, dass sie in der Lage war, meinen Namen auf der letzten Silbe zu betonen. Wann immer ein Latein- oder Geschichtsbeflissener meinte, mich belehren zu müssen, mein Vorname werde nicht auf der ersten, sondern der zweiten Silbe betont, verwies ich darauf, ich sei aber nach dem – übrigens »wie ich« in Aix geborenen – Darius Milhaud benannt und dem Französischen entprechend auf dem ü bzw. u zu betonen, wie es eben nur jene alte Nachbarin tat, die die schöne westrheinische Sprache verwendete, deren Melodie ans Französische anklingt.

Sonntag, 4. Dezember 2005

Quote erat demonstrandum

Darius 0.31 Uhr Filed under: Was geht ab

Im dritten Anlauf ist es am letzten Donnerstag gelungen, dass die durch ein Mitgliederbegehren verlangte Jahreshauptversammlung des Stadt-und-Kreisverbands der WASG stattfand. Damit konnte – nach der Wahl des Ortsvorstands für die Stadt Aachen (dem ich angehöre) – nun auch der Stadt-und-Kreisvorstand Aachen neu gewählt werden.
Das Ergebnis kann fast alle zufriedenstellen. Wie vor der Wahl als Wunsch formuliert, kommen endlich vier Mitglieder des Vorstands, darunter die neue Sprecherin, aus dem Kreis Aachen. Auch die – allerdings in der WASG sehr softe – Frauenquote von ebenfalls mindestens vier Personen ist erfüllt. Drei Mitglieder – darunter der Sprecher – des Vorstands gehören zum Projekt Neue Linke, und dass die SAV drei BeisitzerInnen stellt, sollte wohl auch für alle Seiten akzeptabel sein. Selbst altersmäßig ist der Vorstand ganz ordentlich gemischt – ein Computer hätte es wohl kaum besser hinbekommen, all diese Anforderungen zu berücksichtigen.
Die Chancen scheinen mir nicht schlecht, dass damit ein arbeitsfähiger Vorstand entstanden ist, der auch von allen Teilen der WASG akzeptiert wird.

Freitag, 2. Dezember 2005

Weg der Bockigen

Darius 15.47 Uhr Filed under: Geheimnisse dieser Welt

Vor wenigen Tagen erst hatte ich auf folgende reizende Passage aus Stefan Beuses Roman »Kometen« hingewiesen:

In der Zeitung stand letztens was von einem belgischen Serienkiller, der seine Opfer zerstückelt und die Leichenteile in blauen Plastiktüten an Straßen mit symbolischen Namen verteilt. Die Orte, an denen er die abgeschlagenen Körperteile deponierte, hießen zum Beispiel