Samstag, 4. Februar 2012

Microsoft: Nur etwa 5% haben 2010 illegale Medien heruntergeladen

Darius 14.04 Uhr Filed under: Segnungen des Kapitalismus

Heute kam mit der Post ein Lobbyismus-Paket von Microsoft für deren Kampagne »Sicherheit macht Schule«. Das Paket enthielt auch fünf Anstecker, die SchülerInnen als Abzeichen erhalten sollen. Einer der Anstecker fiel mir besonders auf, denn er trägt das Motiv »Urheber« und soll wohl für besonders gute Urheberrechtskenntnisse verliehen werden. Ansonsten ist in dem an den Bundestagsabgeordneten A.H. adressierten Umschlag nichts zu dem Thema, aber die Website des Projekts macht es dann schon deutlicher, dass zu den Medienkompetenzzielen des Angebots besonders auch der »Schutz des geistigen Eigentums« gehört. Spätestens an dieser Stelle werden offensichtlich Interessen des Microsoft-Konzerns mit dem Unterrichtsmaterial den Schulen angedreht.

Die Materialdatenbank des Projekts enthält beispielsweise ein »Poster« zum Thema »Wem gehört Musik« oder »Wem gehört der Weihnachtsmann«. Die Schautafel »Wem gehört die Musik« zitiert eine Passage aus dem offenen Brief zum »Tag des Geistigen Eigentums 2008″ diverser kommerziell erfolgreicher MusikerInnen an die Bundeskanzlerin, in der diese sich beklagen, dass sie »täglich mit ansehen« müssten, dass ihr »Recht auf einen angemessenen Schutz unserer Werke missachtet wird.« Interessant ist, dass Microsoft selbst auf dieser Tafel schreiben, »Über 20% der Deutschen haben 2010 Medieninhalte heruntergeladen, ein Viertel davon illegal.« Mit anderen Worten (die dort natürlich nicht stehen): etwas über fünf Prozent der Bevölkerung haben 2010 nach Schätzungen von Microsoft »illegal« Medien heruntergeladen. Es erscheint mir wenig plausibel, dass die (andernorts behauptete) Krise der Musikbranche durch das Nutzungsverhalten von fünf Prozent der Bevölkerung verursacht wird.

Was sich die gesamte Musikbranche in die Tasche lügt, ist die Wahnvorstellung, illegale Downloads schmälerten ihre Einnahmen, nicht etwa die Konkurrenz durch andere Konsumgüter. Ich gehe davon aus, dass in den 1980er und 90er Jahren, als anscheinend alles noch »besser« war, Jugendliche ihr Geld zu einem guten Teil für Schallplatten und CDs ausgaben. Das Taschengeld sparte man vielleicht zum Ausbau der Stereoanlage oder für ein Fahrrad. (Einige wenige in meiner Klasse besaßen einen Computer, die ganze Schule hatte zunächst einen einzigen PC für die Computer-AG.)

Heute konkurrieren zahlreiche Hersteller teurer Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik um die Geldbörsen der konsumfreudigen Jugendlichen: Computer, Smartphone, Spielekonsolen, trendige Sportgeräte – all deren Hersteller umwerben dieselbe Zielgruppe wie die Musikindustrie. Dass Jugendliche heute aber nicht unbegrenzt mehr Geld zur Verfügung haben als wir damals, dürfte auch klar sein. Der Computer schadet der Musikindustrie m.E. weniger deshalb, weil Jugendliche Musik »illegal« beziehen (hat mal jemand verglichen, wie viele Leercassetten in den 1980er Jahren verkauft wurden im Verhältnis zu den CDs und Schallplatten?), sondern weil Hard- und Softwarefirmen mit der Musikindustrie um das Geld der Jugendlichen konkurrieren. Wenn Jugendliche aber ihr Geld lieber für Hard- und Software oder Handys ausgeben, als für Musik, hat das vielleicht auch etwas mit der Attraktivität der auf den Markt geschmissenen Musik zu tun, die nicht konkurrenzfähig ist gegen die Attraktivität anderer Konsumangebote.

Microsoft ist deshalb nicht der Freund von 2raumwohnung, Culcha Candela, Samy Deluxe, Seeed, Revolverheld und Herbert Grönemeyer, der ihre Profite sichert, sondern genau die Firma, die die Profite an ihrer Stelle macht. (Mal abgesehen davon kommen mir ja wirklich die Tränen, wenn ich an den armen Herrn Grönemeier denke. Der lebt sicherlich schon von Hartz IV, weil seine CDs nichts mehr einbringen.)

Eine seriöse Auseinandersetzung mit Urheberrecht im Unterricht würde m.E. auch beinhalten, auf Konzepte des freiwilligen Verzichts auf bestimmte Rechte hinzuweisen, also etwa auf Projekte wie Jamendo. Und auch die Erfolgsstory von Wikipedia ist ja eine des Verzichts auf das geistige Eigentum. Das könnte allerdings auch Leute auf die Idee bringen, dass ein Verzicht auf Microsoft-Programme bzw. deren Ersatz durch freie Software mehr Geld übrig lässt für den Kauf von Musik.

Was mich aber auch ärgert ist, wie z.B. heute morgen ein Studiogast auf WDR5 uns soweit für dumm verkaufen will, dass er behauptet, Pirate Bay sei ja zum Tauschen von allem möglichen gedacht gewesen, dass das jemand für verboten halten könnte, sei erst später quasi hinzuerfunden worden. Nee, Leute, man nennt etwas nicht Pirate Bay, wenn man sich nicht klar ist, dass das Eigentumsverhältnisse antastet. Was sonst soll denn der Bezug auf Piraten? Also, wenn man das politisch überhöhen möchte, dann allenfalls so: Durch Nutzung der rechtlichen Grauzone Internet wollte man mit Pirate Bay die Eigentumsverhältnisse digitaler Güter bewusst in Frage stellen.

Mir ist jedenfalls nachwievor nicht klar, wie wir im digitalen Zeitalter die Finanzierung geistiger Arbeit organisieren können. Pornophonique, die das erfolgreichste deutsche Album auf Jamendo veröffentlicht haben (über 1 Million mal gespielt, über 70 Tausend mal kostenlos heruntergeladen), haben trotz des tollen Erfolgs kein zweites Album dort veröffentlicht. Und ich kenne leider zu viele tolle kostenlose Software, deren Entwickler die Lust daran offenbar verloren haben. Wie soll es funktionieren, dass jemand davon leben kann? Mit freiwilligen Zahlungen? (Ist Flattr wirklich ein Erfolg?) Mit einem ausreichend hohen bedingungslosen Grundeinkommen? (Ist das durchsetzbar und finanzierbar?) Mit öffentlich-rechtlichen Einrichtungen? (Geht wohl kaum für die gesamte Masse der KopfarbeiterInnen.) Man kann sich bestimmt tollt theoretische Modelle ausdenken, wie das alles funktioniert in einer besseren Gesellschaft. Das Vertrackte scheint mir, dass die Probleme so dermaßen viel schneller fortschreiten als die Lösungen.

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