Sonntag, 11. November 2007

Desinformation mit Tagesschau und Spiegel

Darius 15.17 Uhr Filed under: Medienschelte

Das Engagement des Bildblog ist sicher richtig und Bild wohl noch immer das wichtigste Organ der Desinformation. Im Online-Boulevard hat Spiegel Online aber vielleicht Bild schon den Rang abgelaufen, auch dort wird ungeprüft und unredigiert rausgehauen, was irgendwie spektakulär erscheint. Bildblog ist voll von Beispielen, wie Spiegel und andere den Unsinn, den Bild verbreitet hat, auch noch blind übernommen haben. Vielleicht wäre aber ein ähnlich bekanntes und aktives Blog viel wichtiger, das sich nicht mit dem Unsinn von Bild, dem ohnehin viele misstrauen, sondern mit der Desinformation in den soganannten seriösen Medien, etwa dem ARD-Flaggschiff Tagesschau beschäftigt. Dazu gehören immer wieder mal Stimmung machende Pseudo-Umfragen mit suggestiven Fragestellungen, wie in meinem vorigen Eintrag dokumentiert. Ein anderes Beispiel ist die mitunter unvollständige, einseitige Berichterstattung.

Da berichtet Tagesschau.de, »Chavez bezeichnet Aznar als Faschisten«. Der Sachverhalt wird von Tagesschau.de und Spiegel.de ungefähr folgendermaßen angegeben: Beim Iberoamerikanischen Gipfeltreffen in Chile habe Venezuelas Präsident Hugo Chávez den ehemaligen spanischen Ministerpräsidenten José María Aznar als Faschisten bezeichnet. Tags darauf habe dessen Nachfolger José Luis Rodríguez Zapatero dem widersprochen und Chávez kritisiert. Nachdem Chávez dabei mehrfach Zapatero ins Wort fiel, habe Spaniens König Juan Carlos empört geschrien, »Por qué no te callas?« (Warum hältst du nicht die Klappe?) und den Saal verlassen. Zwar machen beide Medien noch ein paar Worte mehr um die Geschichte, aber worauf sich Chávez’ Kritik an Aznar eigentlich bezog, erfahren wir nicht.

Ein paar Worte zu den persönlichen Hintergründen von Aznar und Juan Carlos lassen den Konflikt allerdings ganz anders erscheinen. Schon ein Blick in die Wikipedia ist erhellender als die Meldungen der beiden großen deutschen Nachrichtenportale:

José María Aznar López (* 25. Februar 1953 in Madrid) […] war […] politisch schon in den 1970er Jahren federführend in einer an die Tradition der ursprünglichen faschistischen Organisation Falange Española der 1930er Jahre anknüpfenden Studentenorganisation (FES) aktiv und hielt in dieser Funktion u. a. Reden, in denen er sich klar gegen den Wandel zur Demokratie aussprach. Aznar war zwischen 1982 und 1987 Generalsekretär der Alianza Popular (AP), eines rechtskonservativen Parteienbündnisses, und von 1987 bis 1989 Regierungschef von Kastilien-León. Aus der AP ging 1989 die konservative spanische Volkspartei (Partido Popular, PP) hervor, deren Vorsitzender Aznar 1990 als Nachfolger von Manuel Fraga wurde. […] Aznar war besonders in seiner zweiten Amtszeit an einer Reihe von politischen Skandalen beteiligt und Vorwürfen der parlamentarischen Opposition und vieler Medien ausgesetzt. […] Im August 2003 wurde bekannt, dass die Regierung Aznar die Stiftung »Fundación Nacional Francisco Franco«, deren Aufgabe es ist, sich für das Ansehen des faschistischen Dikatators Franco einzusetzen, über das Kulturministerium mit erheblichen Subventionen unterstützte.

Vielen auch nicht mehr so bekannt ist, dass der spanische König (und Träger des Aachener Karlspreises) Juan Carlos zur Nachfolge des Faschisten Franco an die Macht gesetzt wurde. Auch hier hilft schon ein Blick in die Wikipedia:

Für die Sicherung der Nachfolge des spanischen Diktators Francisco Franco war bereits 1947 die Wiedereinführung der Monarchie vorgesehen worden. […] In einer langen Unterredung am 25. August 1948 einigten sich der Diktator und das Oberhaupt des Königshauses darauf, den ältesten Sohn Juans, Juan Carlos, durch Franco zu dessen Nachfolger ausbilden zu lassen und so die Monarchie nach Francos Tod zu restaurieren. […] Franco setzte schließlich 1969 per Gesetz fest, dass nach seinem Tod Juan Carlos der Regierung als König vorsitzen solle. Mit dem Tod Francos am 20. November 1975 war der Weg für die Thronbesteigung durch Juan Carlos vorgezeichnet. Bereits zwei Tage nach dem Tod Francos, am 22. November 1975, wurde Juan Carlos zum König erklärt und steht seit dem als Juan Carlos I. an der Spitze des spanischen Staates.

Hintergründe, die man kennen sollte, wenn sich der von den Faschisten eingesetzte König darüber beschwert, dass ein mindestens zeitweiliger Anhänger von Nachfolgeorganisationen der Faschisten als Faschist bezeichnet wurde. Ich nehme an, dass es aber auch noch einen aktuellen Anlass gab, auf den Chávez sich bezogen hatte.

Nachtrag: Die junge Welt hat Informationen zu den Hintergründen. Demnach vermutet Hugo Chávez, dass Aznar in den Putsch gegen seine Regierung im Jahr 2002 verwickelt war. Auffällig sei gewesen, dass Spanien das Regime der Putschisten sehr eilig anerkannt hatte. Außerdem spekulierte Chávez, dass auch König Juan Carlos »von dem Putsch wusste« (ich vermute, gemeint ist: im Vorhinen).

Dann wandte er sich mit ungewöhnlicher Anrede direkt an den Bourbonenherrscher: »Señor König, antworten Sie, waren Sie in die Putschpläne eingeweiht?« Es sei schwer vorstellbar, so Chávez weiter, daß der Botschafter Madrids die Putschisten unterstützt habe, ohne daß »seine Majestät« ihn dazu autorisiert habe.

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