Dienstag, 20. März 2007

Akut ansteckender Hirnschwund bei Deutschlands Journalisten

Darius 3.37 Uhr Filed under: MedienschelteNatur und so

Dass die Bildzeitung zu einem Thema, das sie nicht verstanden hat oder an dessen richtiger Darstellung sie kein Interesse hat, ein paar völlig aus dem Zusammenhang gerissene Zitate verwendet, um dann haarsträubenden Unsinn zu verbreiten, ist hinlänglich bekannt und täglich im Bildblog nachzulesen. Dass Spiegel Online irgendwelche Revolverstorys aus Bild mit vordergründiger Distanzierung eifrig nachplappert, ist auch nicht neu. Dass aber massenhaft Redaktionen, darunter etwa Tagesschau und Süddeutsche, den Schwachsinn der Springerpresse nachplappern, erscheint mir doch außergewöhnlich. Aber wenn es um ein niedliches Tier geht, schalten offenbar auch ansonsten einigermaßen seriöse Redaktionen ihr Hirn ab.

Statt eigene Schwachsinnsmeldungen zu entschuldigen, bringt Spiegel Online z.B. folgende Formulierung:

Knut muss nicht sterben: Der Tierarzt des Berliner Zoos hat Forderungen, das Eisbär-Baby einzuschläfern, als »kompletten Blödsinn« bezeichnet. Auch der Deutsche Tierschutzbund lehnt Knuts Keulung ab.

Richtig wäre doch wohl gewesen: Die Berichte, dass jemand gefordert hätte, den Eisbär zu töten, haben sich als »kompletter Blödsinn« entpuppt. Richtig ist vielmehr – und ich schreibe das hier nur nochmal kurz auf, weil es ja offensichtlich nicht reicht, dass das in der FAZ stand:

  1. Ein fanatischer Tierliebhaber hatte vor Monaten Strafanzeige gegen einen Zoo gestellt, weil dort ein von seiner Mutter verstoßenes Lippenbärjunges getötet worden war.
  2. Der Zoo hatte eine Handaufzucht des Bären abgelehnt, weil ein »artgerechtes« Leben für handaufgezogene Tiere nicht möglich sei.
  3. Der selbsternannte Tierrechtler war empört und wollte auf das in seinen Augen bestehende Unrecht hinweisen, indem er erklärte, nach der gleichen Logik hätte auch der Eisbär in Berlin getötet werden müssen. Damit ist er eigentlich auf der gleichen Linie wie die Bildzeitung, die ihn aber zum Tierfeind deklarierte, weil sie zu blöd oder zu bösartig war, die Logik richtig wiederzugeben.
  4. Unterdessen wird auch Wolfram Graf-Rudolf, der Leiter des Aachener Tierparks, zitiert, eigentlich sei es falsch, den Eisbären in menschlicher Gesellschaft aufzuziehen, weil dieser mit vorhersehbaren starken Störungen aufwachsen werde. Es hätte aber offenbar niemand den Mut gehabt, ihn sterben zu lassen.

Wolfram Graf-Rudolf hat aber nicht gefordert, ihn jetzt noch sterben zu lassen oder zu töten. Insofern kann man über seine rückblickende Bemerkung auch nicht seriös schreiben:

Der Vorschlag löst Entsetzen aus. Der Zoo lehnt es ab, Knut zu töten. Berlin ist entschlossen, sich sein Kuscheltier nicht einschläfern zu lassen. (SZ).

Es handelt sich aber in Bezug auf den Berliner Eisbären nicht um einen Vorschlag, also eine Handlungsoption für die Zukunft, sondern es geht um vergangene Entscheidungen. Man kann sich schon ausrechnen, welchen Anfeindungen der Aachener Tierparkleiter durch solche Darstellungen ausgesetzt wird, nur weil er sich dagegen ausgesprochen hat, das Tier anders zu behandeln, als es ihm in der Natur ergehen würde. Offenbar hat auch der Autor der SZ die Sätze nicht verstanden, die er aufgeschrieben hat:

Er befürchtet, Knut sei so stark auf seinen Pflegevater geprägt, er werde ohne ihn nicht klar kommen. Sobald der Bär größer ist, wird es immer Gitter zwischen ihm und Dörflein geben. »Dann stirbt er jedes mal einen kleinen Tod, wenn der Pfleger geht, und er kann ihm nicht nach«, sagt Graf-Rudolf, der zwei Handaufzuchten miterlebt hat.

Tatsächlich ist Graf-Rudolf als verantwortungsvoller Zooleiter bekannt und hat sich durch einige erhebliche Verbesserungen an den Haltungsbedingungen für Tiere im Aachener Tierpark hervorgetan, z.B. die Haltung von Geparden ganz beendet, weil er für diese größere Gehege für nötig hält, als Aachen bieten kann. Natürlich muss man dem Tierschützer, auf den der ganze Wirbel zurück geht, Recht geben: ein Problem liegt in der Zoohaltung selbst. Aber ein Tier sterben zu lassen, das auch in der Freiheit sterben würde, ist meines Erachtens kein Zeichen von Herzlosigkeit, sondern ein Zeichen des Respekts vor dem Leben und seiner Schattenseite, dem Tod. Jedes Tier aufzuziehen, egal unter welchen Bedingungen es hinterher sein Leben fristen muss, ist sentimentale Rührseligkeit, aber kein Tierschutz. Klar, dass die Bildzeitung auf der Seite der Sentimentalitäten steht, inbesondere wenn es nicht um Menschen geht. Taktisch logisch, wenn auch unmoralisch, ist es, dass Spiegel Online seine eigene verzerrte Berichterstattung zu vertuschen versucht, indem Stellungnahmen präsentiert werden, die der nie erhobenen Forderung jetzt feierlich widersprechen. Aber müssen sich die anderen Redaktionen davon anstecken lassen, diesen Unsinn zu verbreiten?

Nun allerdings wird um Knuts Schicksal eine bizarre Diskussion geführt: Soll er sterben, weil er von Menschen aufgezogen wird?

schreibt Tagesschau.de. Richtig wäre gewesen: »Hätte man ihn sterben lassen sollen, statt ihn von Menschen aufziehen zu lassen?« Keine ganz einfache Frage, wenn man sie so stellt, aber eine, der man ihren theoretischen Charakter sofort anmerkt. Das ist den Redaktionen offenbar zu kompliziert. Sie möchten lieber ihre Zuschauer und Leser sich aufregen lassen, dass der süße kleine »Knut« angeblich getötet werden soll. – Ob ich mein SZ-Abo verlängere, überlege ich mir doch nochmal genauer.

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