Dienstag, 17. Januar 2006

Volle Kraft voraus und Augen zu

Darius 16.28 Uhr Filed under: MedienschelteOpium des Volkes

Zum wiederholten Male gibt es eine groß angelegte Umfrage der »Perspektive Deutschland« von McKinsey, stern, ZDF und Web.de unter Schirmherrschaft Richard v. Weizsäckers.

Wie bei jeder gut manipulierten Umfrage wird vor Beginn der Befragung schonmal klargestellt, was rauskommen soll. Zum Geleit schreibt der ehemalige Bundespräsident auf der Titelseite:

»Wir müssen konsequent die begonnenen Reformen fortsetzen.«

In der Umfrage selbst wird dann z.B. gefragt:

Was meinen Sie zu folgenden Aussagen?

  • Nach der vorgezogenen Bundestagswahl wird sich der Reformprozess in Deutschland beschleunigen.
  • In den nächsten Jahren wird die Bereitschaft der Bevölkerung in Deutschland zunehmen, Reformen mitzutragen, auch wenn diese für den Einzelnen Nachteile mit sich bringen.
  • In den nächsten Jahren wird die Reformfähigkeit der Politik in Deutschland zunehmen.

Allerdings ist dann natürlich keine differenzierte Meinung vorgesehen, sondern man darf nur wählen zwischen Abstufungen von »Stimmt genau« bis »Stimmt gar nicht«. Auffällig, dass erstmal nur über die Zustimmung zu irgendwelchen Reformen gefragt wird, ohne dass gesagt wird, worin diese Reformen bestehen sollen.

Später kann man dann über so tolle Dinge abstimmen, wie »Sollten die sozialen Unterschiede in der Zukunft in Deutschland geringer oder größer als heute sein?«

Überhaupt nicht manipulativ ist auch die Frage »In welche Richtung sollte sich Deutschland Ihrer Meinung nach in Zukunft verändern, wenn es um den Lohn für Leistung geht?« mit Antworten von »Wer viel leistet, sollte viel weniger
belohnt werden als heute.« bis »Wer viel leistet, sollte viel stärker belohnt werden als heute.«

Schließlich gipfelt es in einer Gegenüberstellung von »Modell A« und »Modell B«, wobei A wohl das sozialstaatliche und B das kapitalistisch entfesselte sein soll, und A verbunden wird mit »Steuern und Abgaben sind viel höher als heute«, »Wer viel leistet, wird dafür viel weniger belohnt als heute.« und »Die Gesellschaft verändert sich viel langsamer als heute.«, und nachgeschoben wird dann eine weitere Frage, in der behauptet wird, bei A gehe es auch der Wirtschaft schlechter, ob man dann immer noch dafür sei?

Später wird man gefragt, welche Form von Verschlechterung man gerne für einen
auf drei Jahre (!) sicheren Arbeitsplatz in Kauf nähme:

  • … mich auf eine andere Tätigkeit bei demselben Arbeitgeber umschulen zu lassen.
  • … in eine andere Region umzuziehen, die mehr als 100 km von meinem derzeitigen Wohnort entfernt ist.
  • … je nach Auftragslage mal mehr, mal weniger Stunden pro Woche zu arbeiten.
  • … nur am Wochenende zu Hause zu sein.
  • … auf 10% meines Gehalts zu verzichten.
  • … vier Stunden in der Woche ohne Mehrbezahlung länger zu arbeiten.
  • … zwei Stunden täglich zu pendeln.
  • … auf fünf Urlaubstage zu verzichten.

usw. usf.

Jedenfalls scheint mir der wissenschaftliche Ertrag durch eine so suggestive Umfrage sehr gering zu sein, denn ein Großteil der Fragen lässt sich z.B. nicht klar so beantworten, dass man für Veränderungen, aber im Sinne von mehr sozialer Gerechtigkeit sei usw. Oder die Frage, ob man für schnellere oder langsamere gesellschaftliche Veränderung sei, ist ja wohl erheblich vom nicht zur Debatte gestellten Aspekt abhängig, wohin die Veränderung denn gehen soll.

Der Sinn der Umfrage scheint mir vielmehr zu sein, dass man über den geschickt aufgebauten Fragenkatalog immer mehr in das Denken der Sachzwänge und nicht definierten Reformnotwendigkeiten hineingeführt wird. Etwa, dass es eben notwendig sei, für drei Jahre Arbeitsplatzsicherung erhebliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Die zugelassene Frage ist ja nur, welche denn.

Etwa 500.000 Menschen sollen sich im vergangenen Jahr mehr oder weniger freiwillig dieser Gehirnwäsche unterzogen haben. Für die Teilnahme wird mit Prämien (5 ? Buchgutschein über Ciao.de) und Verlosungen geworben, nach dem Schneeballprinzip soll man schließlich noch weitere Menschen zur Teilnahme beschwatzen, um seine Chancen bei der Verlosung zu verbessern.

Mehr dazu:

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