Donnerstag, 8. Dezember 2005

Stolberg, Rheinland

Darius 13.53 Uhr Filed under: Geheimnisse dieser Welt

Wenn ich mal wieder mit einem der unendlich langsamen und viel zu oft haltenden Nahverkehrszüge von Köln nach Aachen fahre, ist einziger Höhepunkt eine Ansage, die eine eigentümliche und mitten im Bahnbetrieb unerwartete Rhythmik besitzt: »Stolberg … Rheinland … Hauptbahnhof«. (Dabei ist die Stimme bei den Silben »Stol-« und »Rhein-« ganz tief zu senken, bei »-berg« und »-land« stark zu heben, während »Hauptbahnhof« auf den ersten zwei Silben hoch, dann aber bei der letzten gesenkt zu sprechen ist.)

Michael Wildenhain
Michael Wildenhain

Neulich war im Rahmen der Kinder- und Jugendbuchwochen einer meiner Lieblingsautoren, Michael Wildenhain aus Berlin, in Aachen, um aus seinem spannenden Jugendroman »Die Schwestern« zu lesen. Als derjenige, der Programmheft und Webseiten zu den Kinder- und Jugenbuchwochen gestaltet hatte, hatte ich Gelegenheit, beim Mittagessen mit dem Autor zu plaudern. Ich erzählte, dass ich im Anschluss an seinen Roman »Prinzenbad« auch einige der darin zitierten Werke anderer Autoren gelesen hatte (z.B. Becketts Molloy, Braschs Kargo).
Ob ich denn das – wie »Prinzenbad« noch im alten Berliner Rotbuch-Verlag erschienene – Erstlingswerk von Dietmar Sous gelesen hätte, fragte Michael Wildenhain, der sei doch hier aus der Gegend. Er jedenfalls habe den Roman damals sehr beachtlich gefunden.
Recht kurze Zeit später war ich auf dem Kongress »Kapitalismus reloaded« in Berlin, traf bei dieser Gelegenheit jedoch nicht Michael Wildenhain, sondern unerwartet auf einem antiquarischen Büchertisch ebenjenes Rotbuch von Dietmar Sous: »Glasdreck«. Es ist, trotz inzwischen arg vergilbter Seiten, auch fast ein Vierteljahrhundert später noch wunderbar zu lesen, und für jemanden, der Dörfer Stolbergs sehen kann, wenn er aus dem Fenster schaut, wird die Geschichte besonders lebendig, die in einem von diesen Dörfern spielt und fast genausogut in jenem Haus wenige Kilometer entfernt sich abgespielt haben könnte, in dem ich wohne.

Brunno drehte vollends durch; klatschnaß wirbelte die Mähne, ekstatisch; das Parkett stampfte Kanonendonner – und alle Scheinwerfer auf Brunno! Dann … erfroren seine Finger. Er strampelte, doch zur Erde zurückzukehren und festen Boden zu spüren, gelang ihm nicht … Nackt, im grellen Licht vom Schatten der alten Mölldärs ausradiert, die Haare triefend, ebenso die Jacke des Schlafanzugs; und der Stoff der gestreiften Hose zehn Zentimeter oberhalb des rechten Knies abgewetzt, dünn und löchrig vom spitzen Nagel des gitarrezupfenden Daumens.
»Saarens, hastu seä noch all?«, murmelte die Alte entgeistert. »Maach bluhss datt Radio uhss unn schloff, duh Jeck! Moareje bästä wärrem zeä möh vö ze weerekeä!«
Ratlos beugte sie den Kopf: »Datt kütt alläs vvann dieh lang Hoare!«

Von der alten Frau, die einst hier im Haus wohnte, habe ich, als Kind westfälischer Eltern damals im Nachbarhaus wohnend, leider fast nie einen Satz verstanden. Behalten habe ich aber, dass sie in der Lage war, meinen Namen auf der letzten Silbe zu betonen. Wann immer ein Latein- oder Geschichtsbeflissener meinte, mich belehren zu müssen, mein Vorname werde nicht auf der ersten, sondern der zweiten Silbe betont, verwies ich darauf, ich sei aber nach dem – übrigens »wie ich« in Aix geborenen – Darius Milhaud benannt und dem Französischen entprechend auf dem ü bzw. u zu betonen, wie es eben nur jene alte Nachbarin tat, die die schöne westrheinische Sprache verwendete, deren Melodie ans Französische anklingt.

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