Freitag, 7. Oktober 2005

Donquichotterie gegen Sicks Laienlinguistik

Darius 10.48 Uhr Filed under: Medienschelte

Zur zweiten Ausgabe von Aptum – Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur hat Jan Georg Schneider einen Aufsatz beigetragen, dem ich die gleiche Aufmerksamkeit wie dem darin behandelten Gegenstand wünschen würde: »Was ist ein sprachlicher Fehler? Anmerkungen zu populärer Sprachkritik am Beispiel der Kolumnensammlung von Bastian Sick«. Unterdessen ist von ebendieser ein zweiter Band erschienen, der in dem Aufsatz für Aptum allerdings noch nicht berücksichtigt ist. Man darf aber annehmen, dass die von Jan Schneider an Beispielen aus dem ersten Band ausgeführte Kritik der »Fehleranalyse« auch auf die neueren Kolumnen anwendbar ist.

Woher kommt die ausgeprägte Sprachunsicherheit, die auch bei vielen hochgebildeten Menschen den Wunsch entstehen lässt, von Sprachpflegern über ihr Ureigenstes, nämlich ihre Muttersprache, belehrt zu werden?

Jan Scheider vermutet, dass eine Ursache dessen die Verunsicherung in Folge der Rechtschreibreform ist. Laienpsychologisch nehme ich an, auch die Schadenfreude, mit Sick gemeinsam »Sprachverbrecher« zu ertappen (oft mit vorgeführten »Beweisstücken« bei Spiegel Online), der kleine Nervenkitzel, sich selbst zu »ertappen«, und das implizite Versprechen, die Lektüre sei nicht »nur« Vergnügen, sondern man könne dabei auch »etwas lernen«, kommen als Anreize hinzu.
Analog zur Reihenfolge im Buch nimmt Jan Schneider zuerst Sicks Ausführungen zur Präposition wegen mit Dativ unter die Lupe. Während Schlagersänderin Nicole in den 1980er Jahren ein Lied mit dem Titel »Wegen dir« veröffentlichte, habe Udo Jürgens im selben Jahr für sein Lied »die richtige Form« (Sick) »Deinetwegen« gewählt. Verzeihlich sei der »Fehler« allerdings in Nicoles Fall, weil das Lied in bayerischem Dialekt getextet sei. Schneider führt aus:

Diese Darstellung enthält zwei allgemeine Annahmen, die für populäre Sprachkritik typisch sind: Erstens wird eine starre begriffliche Trennung zwischen Hochsprache und Dialekt vorgenommen, die die Realität des alltäglichen Sprachgebrauchts kaum widerspiegelt. […] Anders als Sick darstellt, sind die Texte der Sängerin Nicole zudem keineswegs im bayersichen Dialekt verfasst, sondern in einem leicht regional gefärbten Hochdeutsch, einem so genannten Regiolekt.
Sicks zweite sprachliche Annahme besagt, dass der zunehmende Gebrauch von wegen mit Dativ-Rektion falsch sei und die Hochsprache ›verflachen‹ lasse.

Klare Kriterien für Falschheit und Verflachung benenne Sick jedoch nicht. Er gebe lediglich im Fall des Gebrauchs der Präposition trotz mit dem Genitiv einen »versteckten Hinweis«, dass es ein Stadium gebe, in dem auch Sick eine sich langsam durchsetzende Gebrauchsweise akzeptiert.

Die Frage ist nun: Wann ist ein solches Stadium erreicht?
Dass Sick diese Frage an keiner Stelle diskutiert, hängt m. E. nicht zuletzt damit zusammen, dass er es durchgängig versäumt, systematisch zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit zu differenzieren. In Bezug auf die Präposition wegen wage ich die These, dass in mündlichen Kontexten mittlerweile in weit über neunzig Prozent der Fälle der Dativ gebraucht wird […]. In schriftlichen, vor allem formellen schriftlichen Kontexten dagegen ist weiterhin die Verwendung des Genitivs die Regel. Hat man einmal begriffen, dass geschriebene und gesprochene Sprache aufgrund der unterschiedlichen medialen Bedingungen verschiedene syntaktische Regularitäten aufweisen, so empfindet man dies nicht mehr als Widerspruch.

Diverse weitere Beispiele zu den unterschiedlichsten Themen aus den Sickschen Kolumnen folgen in Schneiders Aufsatz. Ich las ihn mit einigem Vergnügen: Die Kritik der Kritik ist mindestens ebenso kurzweilig, die Lust an Schadenfreude kann man dort noch besser befriedigen, denn den »beliebtesten Deutschlehrer der Nation« (FAZ) zu ertappen, ist amüsanter, als mit ihm Schildermaler, Schlagersternchen usw. bloßzustellen. Und »lernen kann man dabei auch noch etwas«…

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